Studiengebühren in Deutschland
29. August 2006
Als die noch heute bekannten Philosophen im antiken Griechenland die ersten Akademien gründeten, handelten sie a) aus Erkenntnisinteresse, b) im Dienste der Menschheit: Vermehrung, Vertiefung und Verbreitung von Wissen. Das Bürgertum antiker Stadtstaaten leistete sich eine Universität, weil es von ihren Früchten auf vielerlei Weise profitierte.
Trotz eines Höchststandes privater Vermögen, erleben wir derzeit die Krise des Universitätswesens. Heute sehen sich die Verwalter moderner Universitäten, welche sich weiterhin »Bekenner der Wahrheit«, Professoren, nennen müssen, mit der ernst gemeinten Frage konfrontiert, warum ein Akademiker nicht mit einem Handwerker verglichen werden dürfe: Der Handwerker muss ein Darlehen aufnehmen, um ein Geschäft gründen zu können. Da das Einkommen des zukünftigen Akademikers ein Hohes sein wird, sei es doch gerecht, dass der Student für die vielen Wettbewerbsvorteile, die ihm der Staat an die Hand gibt (Wissen!) bezahle. Die hohe Summe von 500 Euro verlangt beispielsweise das Bundesland Bayern über die Köpfe seiner Universitätsgremien hinweg ab dem Sommersemester 2007 für jedes halbe Jahr.
Es mag ein jeder der verantwortlichen Entscheidungsträger, dessen Studium bereits hinter ihm liegt, sich ausrechnen, welch ein Schuldenberg damit für ihn entstanden wäre.
Natürlich schreckt eine solche Aussicht ab. Natürlich soll der Staat froh sein, wenn sich Individuum für den anstrengenden und mit zahllosen Herausforderungen gespickten Weg eines Hochschulstudiums entscheiden. Natürlich ist der Druck, der das Hochschulstudium attraktiv erscheinen lassen soll nach dem Motto: so hat der junge Mensch wenigstens eine Chance, dem prekären Arbeitsmarkt zu entkommen, kein Mittel, dessen sich eine Gesellschaft rühmen darf.
Insbesondere für den Bereich der Geisteswissenschaften ist der Vergleich mit dem Handwerker darüber hinaus eine perfide Argumentation:
- Garantiert das Hochschulstudium hier doch keineswegs ein hohes Einkommen.
- Wird nicht der geisteswissenschaftlich ambitionierte Abiturient bereits vor Aufnahme des Studiums auf Gewinnmaximierung und Profitausrichtung getrimmt, wodurch die humanistische Grundintention des Studiums ad absurdum geführt wird.
Studiengebühren installieren einen ungeheuren systemischen Zwang, sich dem Markt anzupassen, und zwar vom ersten Semester an. Leistungserbringung vor Verarbeitungstiefe, vor Stoffaneignung. Anstatt nach Alternativen zum entsicherten Wettbewerb zu suchen, was ein klarer Auftrag an die Intellektuellen in jeder Nation ist, wird diesen Bestrebungen der Boden entzogen.
Die Welt ist global. Innovation, so das Credo der Zeit, entsteht nirgendwo anders noch, als an Elite-Unis, die im weltweiten Wettbewerb bestehen können müssen. – Ist dies nicht das Ende des humanisischen Zeitalters? Dem Individuum wird folgendes Angebot unterbreitet: Die Aussicht auf Wohlstand und Sicherheit steigt in dem Maße, in dem Anpassung und Sich-Einfügen in starre gesellschaftliche Hierarchien erfolgt. Wie viele empfinden dies jedoch als inakzeptabel, weil es entmündigt. Eine Anpassung nach unten findet statt. Zum gesellschaftlichen Aufstieg gehört mehr und mehr Ignoranz, Gefühllosigkeit und Naivität, also der Glaube, dass das Leben im Schlechten doch zu einem befriedigenden Ende finden könnte.