Zitat: »In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Drogen und AIDS zusammen.« Quelle: Infobroschüre der Initiative Freunde für’s Leben, www.frnd.de.

Angeblich sollen in Deutschland täglich 8 Jugendliche und junge Erwachsene durch Suizid umkommen. Eine häufig genannte Begründung: Perspektivenlosigkeit. Was heißt das? – Mangelt es an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen allein? Nein. Wer keinen Ausbildungsplatz hat, muss deswegen noch keine negative Lebensbilanz ziehen, die ihn in den Freitod treibt. Er kann seinem Leben auf andere Weise Sinn verleihen, etwa durch freiwilliges Engagement, durch Kunstschaffen, durch Sport, durch jegliche kontinuierliche und auf Entwicklung ausgerichtete Tätigkeit. Die Ursachen für Perspektivenlosigkeit sind vielfältig.

Suche nach Ursachen: Schwerpunkt Popkultur
Die Popkultur mit ihren Stars, Marken und Trends ist ein wesentlicher Bestandteil der Welt des Teenagers. Die Ideale lauten: Reich, schön, sexy, erfolgreich: Die Trauben für gesellschaftlichen Wert in der Popkultur hängen hoch – letzten Endes unerreichbar hoch für Normalsterbliche, weshalb es auch tausende junger Menschen gibt, die sich mit der Rolle des jubelnden Fans zufrieden geben können, weil sie dies zumindest in die Nähe der irrealisierten Übermenschen, der Idole, bringt. Sie erfahren eine Aufwertung dadurch, dass sie bei einem Konzert, einer Gala, einem Festival einen Platz in den vorderen Reihen erkämpfen konnten. Eine solche Selbstwertbestimmung leidet besonders unter der Tristesse des »grauen Alltag«. Die eigentlich wichtige Realität ist eine Scheinwelt, eine mediale professionelle Inszenierung, eine kostenintensive Illusion, die von unzähligen Firmen, die davon existieren müssen bzw. in hohem Maße profitieren, produziert wird. Die Forderung, die das Leben in der postmodernen Gesellschaftsordnung an den jungen Menschen stellt, lautet: entlarve die Illusion. Er muss seinen Selbstwert von dem Katzengold der Popindustrie abkoppeln – nicht vollständig zwar, aber zu einem gewissen Teil. Was bedeutet das? Zur Bewältigung der spezifischen Lebenskrisen in der Pubertät und Adoleszens, sind Reifungsprozesse nötig.

Kind in Raum mit Seifenblasen
Quelle: www.photocase.com

Auf die erfolgreiche Abnabelung von den Eltern muss die erfolgreiche Abnabelung von den verheißungsvollen, angenehmen Illusionen der Popwelt folgen. Abnabelung heißt nicht Entsagung. Der Mensch trennt sich schließlich auch nicht von seinen Eltern. Aber er erkennt sich in Relation zu ihnen als selbstständig handelnde und entscheidende Person.
Die Forderung lautet, die Inszenierungen der Popindustrie zu durchschauen, aber dennoch in der Lage zu bleiben, sie zu genießen. Die rücksichtslos entzauberte Lebensweise mündet in der Regel in Zynismus, welcher keine geeignete Basis für soziale Integration und Lebensglück ist.

Praktische Ableitung und Empfehlungen für junge Menschen
Schaut hinter die Kulissen der Pop-Inszenierungen. Überall wird nur mit Wasser gekocht. Hinter dem schönen Schein stecken unzählige Firmen, stecken Arbeiter und Angestellte, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen. Die Unterhaltungsindustrie erschafft eine professionelle Illusion, die man mit einem Augenzwinkern anschauen sollte, ohne sie zu verwerfen, also sie für »Spinnerei« zu erklären. Einerseits sind die Stars auch nur Menschen, aber verdammt clevere, interessante, schöne und fleißige. Ihnen nachzueifern ist also keine schlechte Idee. Die Realität ist zur Hälfte bunt und schillernd und zur Hälfte besteht sie aus Beton, einfachen Menschen und Hundekot auf dem Gehsteig. Macht keinen Gegensatz daraus, sondern lernt, dass dies alles in ein und derselben Welt passiert. Die Realität ist nur halb real und sie lässt sich verzaubern. Jeder kann es, nicht nur das Fernsehen.

Mädchen mit Schirm
Graue Realtiät, Foto-Geschichte, mediale Inszenierung?
Quelle: www.photocase.com

Lasst euch nicht einschüchtern: Die Inszenierung der Popwelt ist sehr stark. Fast scheint der Graben, den die Kultur in ihrer Gier nach dem Schönen und Angenehmen zwischen der »grauen Realität« und »Welt der Stars«, hat entstehen lassen, unüberwindlich zu sein. Aber es liegt ganz bei euch, an dieser Stelle gar keinen Graben zu sehen. Lasst euch nicht einschüchtern von den Autoritäten der Werbung: Was du kaufst oder nicht kaufst ist und bleibt deine Entscheidung. Werbung, Stars, Marken – das alles ist nur ein Spiel. Du musst es nicht spielen oder kannst die Regeln verändern. Du kannst dir andere Spiele daneben stellen, die ebenso viel Spaß machen. Davon gibt es unzählige.
Lasst euch nicht einschüchtern heißt: vertraut darauf, dass ihr ebenso weit kommen könnt, wie der coolste Typ oder das heißteste Mädchen der Schule. Es gibt keinen Sonderweg dorthin, der nicht über Selbstvertrauen und harte Arbeit führt. Wer aber erkannt hat, dass es nur eines inneren Entschlusses bedarf und keiner besonderen genetischen Veranlagung, um an die Früchte ganz oben am Baum zu kommen, der hat bereits die Kraft gefunden, die er oder sie dazu braucht.

One Response to “Perspektivenlosigkeit: Analyse, Empfehlungen”


  1. [...] »Gesund machen« – jeder weiß sofort, was damit gemeint ist, da er sich in diesem kindgerechten Kontext auskennt: Es geht buchstäblich um die heile Welt, um das pure, normale Gut-Böse-Schema. Eine Welt, in der kein Kind sich wegen zahlreicher Unwägbarkeiten und Unsicherheiten ängstigen muss, was heute der Fall ist, und zwar in stärkerem Maße, als selbst in Zeiten des Kalten Krieges. Der atomare Holocaust war die dunkle Bedrohung, vor der man sich als Kind fürchtete, ein unzweideutiges Böses. Gibt man dem Denker der Postmoderne, Jean Baudrillard, Recht, so leben wir heute in einer hermetischen und nahezu unzerstörbaren Simulation von Welt, in der es das Oben und das Unten, Gut und Böse nicht mehr gibt. Dafür aber Ausbeutung, Unterdrückung, Beugung des Individuums. Daran gilt es zu arbeiten und wenn die Sache aussichtslos erscheint: Hauptsache nicht zu den Verlierern gehören. Aus der Perspektive eines Kindes ist dies äußerst belastend. Kinder wie Naturvölker brachen die Verzauberung, die Hoffnung auf Änderung jenseits der berechnenden Logik. Hier liegt meiner Ansicht nach ein weiterer Grund für die hohe Freitodrate unter Jugendlichen in Deutschland begründet. [...]


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