Die gute Parallelwelt. Nach der Lektüre von Michael Endes »Die unendliche Geschichte«
14. September 2006
Bereits Goethe stemmte sich mit einem eigenen Entwurf gegen das ‘Unheil’ einer mechanistischen Naturerklärung, wie es von Isaac Newton propagiert worden war. Der Experte der menschlichen Seele, der Mythen-, und Mysterienkenner Goethe verlor diesen Kampf. Der Siegeszug der empirischen Wissenschaftlichkeit war durch nichts aufzuhalten. Erst recht nicht, nachdem diese Denkweise den Kapitalismus hervor gebracht hatte und sich die Beiden in die Hände arbeiten konnten.
Gegen die Entseelung der Natur und damit die Entleerung auch des menschlichen »Innenraumes« hatte sich der »Alte in Weimar« gewandt. Und wie er, tun es die ‘mit dem Herzen sehenden’ Denker noch heute.
Die »heile« Welt des ahnenden, hoffenden, ewig liebenden – des religiösen Menschen ist also nicht erst seit dem Eintritt in die virtuelle Realität prekär, unsicher, fraglich geworden. Intellektuelle spielen heute virtuos mit Weltdeutungen wie mit bunten Bällen. Angesichts dessen ergreifen bodenständige Gemüter, die eine unumwundene Denkweise zur Bewältigung des Alltags brauchen, die Flucht. Die Welt ist eben nur noch teilweise zu verstehen, die Philosophie suspekt, verdächtig. Man schützt sich, indem man auf Distanz geht, ablehnt, ignoriert. Man fragt sich, ob womöglich die Gesellschaft in Gefahr ist, angesichts emanzipatorischer, anarchistischer, feministischer, konstruktivistischer, poststrukturalistischer – jedenfalls haarsträubend spekulativer, kühner Entwürfe?
Hat die Welt sich gewandelt? Hat der Mensch sich verändert mit dem Eintritt in die Moderne, Postmoderne? Oder ist alles beim Alten geblieben und nur die Sichtweisen einiger weniger Superhirne schlagen Kapriolen?
»Welt« bedeutet für jeden von uns zuerst soziale Welt. Wir erzählen uns gegenseitig, was »Welt« ist. Und demzufolge muss das, was die größten Denker der breiten Masse aus ihren dunklen Separets zuraunen, unsere Welt tangieren und verändern. Es geschieht zwar selten, dass ein besonders hellsichtiger Philosoph, der die Welt violett-gestreift sieht, es schafft, diese Sichtweise einer größeren Zahl von Schülern zu vermitteln, noch nie es jedoch vorgekommen, dass dadurch die Sichtweisen aller Menschen verändert worden wäre.
Ich verneine nicht, dass die Lehren großer Denker, etwa die eines Aristoteles’, das abendländische Denken wesentlich geprägt hätten. Doch geschah dies als gemeinschaftliche Arbeit an Texten. Die großen Lehren, auf denen unsere Kultur beruht, wurden durch die Jahrhunderte tausendfach interpretiert, diskutiert und umgeschrieben. Gäbe es nicht eine kulturelle bewegliche Sedimentschicht, auf welche alle Einflüsse hinab sinken und wo sie sich vermengen, gäbe es also nur die jeweils aktuellen Theorien und Modelle der größten (oder exzentrischsten / am schwierigsten zu verstehenden) Denker, dann gäbe es nicht eine Welt, sondern dutzende getrennte Welten, bewohnt von den Schülern dieser Denker. Diese lägen im Dauerstreit mit den Schülern anderer großer Denker. Jede Schule würde die Welt für sich beanspruchten, tatsächlich aber hätten sie alle nur einen kleinen Bereich derselben zu ihrer Verfügung.
Wir haben aber dies: Eine halbwegs verständliche Welt mit einem Oben und einem Unten. Bei all dem wachsen wir – und mit uns Millionen Menschenkinder auf der ganzen Welt – im Wissen um ein Wahr und ein Falsch, an ein Gut und ein Böse heran. Für ‘kleine Helden’ gelten universell Attribute wie Mut, Ausdauer, Treue, Stärke, Besonnenheit. Es ist keineswegs so, dass ein deutsches Kind absolut nichts anfangen könnte mit einem chinesischen oder russischen Märchen und den Handlungsweisen seiner Helden. Vor diesem verlässlichen Verstehenshorizont nun beobachten wir ein zunehmend beunruhigendes Schauspiel: Die Entzauberung der Welt. Michael Ende, der als Kind in der Waldorfschule die Lehren Rudolf Steiners erlernt hatte, sagte:
»Ich habe Zeit meines Lebens nach Hinweisen und Gedanken gesucht, die uns herausführen könnten aus dem Weltbild des Nur-Beweisbaren.« (Michael Ende zitiert nach Peter Boccarius’ Michael-Ende-Biografie, Nachwort)
In seinem philosophischen Jugendbuch »Die unendliche Geschichte« wirbt für einen Ausgleich zwischen der Welt der harten Fakten und der Welt der Fantasie. Es geht für uns alle heute darum, in einer von der Technik beherrschten, geistig arm gewordenen Welt, den Zauber der Existenzen, der Existenz schlechthin neu zu entdecken, oder, da wir alle eine Kindheit hatten, das Zauberhafte für unser Erwachsenenleben fruchtbar zu machen, ähnlich, wie dies bei Naturvölkern üblich ist.
»Es gibt zwei Wege, die Grenze zwischen Phantásien und der Menschenwelt zu überschreiten, einen richtigen und einen falschen. Wenn die Wesen Phantásiens auf diese grausige Art hinübergezerrt werden, so ist es der falsche. [Durch Fallen in das Nichts, wodurch sie zu Lügen in der Menschenwelt werden. Anmerkung TM] Wenn aber Menschenkinder in unsere Welt kommen, so ist es der richtige. Alle, die bei uns waren, haben etwas erfahren, was sie nur hier erfahren konnten und was sie verändert zurückkehren ließ in ihre Welt. Sie waren sehend geworden, weil sie euch [die Wesen Phantásiens, Anmerkung TM] in eurer wahren Gestalt gesehen hatten. Darum konnten sie nun auch ihre eigene Welt und ihre Mitmenschen mit anderen Augen sehen. Wo sie vorher nur Alltäglichkeit gefunden hatten, entdeckten sie plötzlich Wunder und Geheimnisse. Deshalb kamen sie gern zu uns nach Phantásien. Und je reicher und blühender unsere Welt dadurch wurde, desto weniger Lügen gab es in der ihren und desto vollkommener war also auch sie. So wie unsere beide Welten sich gegenseitig zerstören, so können sie sich auch gegenseitig gesund machen.« (Die unendliche Geschichte, dtv, 4. Auflage von 1990, S. 193)
»Gesund machen« – jeder weiß sofort, was damit gemeint ist, da er sich in diesem kindgerechten Kontext auskennt: Es geht buchstäblich um die heile Welt, um das pure, normale Gut-Böse-Schema. Eine Welt, in der kein Kind sich wegen zahlreicher Unwägbarkeiten und Unsicherheiten ängstigen muss, was heute der Fall ist, und zwar in stärkerem Maße, als selbst in Zeiten des Kalten Krieges. Der atomare Holocaust war die dunkle Bedrohung, vor der man sich als Kind fürchtete, ein unzweideutiges Böses. Gibt man dem Denker der Postmoderne, Jean Baudrillard, Recht, so leben wir heute in einer hermetischen und nahezu unzerstörbaren Simulation von Welt, in der es das Oben und das Unten, Gut und Böse nicht mehr gibt. Dafür aber Ausbeutung, Unterdrückung, Beugung des Individuums. Daran gilt es zu arbeiten und wenn die Sache aussichtslos erscheint: Hauptsache nicht zu den Verlierern gehören. Aus der Perspektive eines Kindes ist dies äußerst belastend. Kinder wie Naturvölker brauchen die Verzauberung, die Hoffnung auf Änderung jenseits der berechnenden Logik. Hier liegt meiner Ansicht nach ein weiterer Grund für die hohe Freitodrate unter Jugendlichen in Deutschland begründet.

Das in »Die unendliche Geschichte« vorgestellte Projekt will folgendes vermitteln:
- Sehen lernen der »zauberhaften Gestalt« der Dinge und Lebewesen und damit Neuentdeckung und Neubewertung von Eindrücken und Erfahrungen im Alltag
- Lieben lernen der (Mit-) Menschen als des »wahren Wunsches« hinter allen Wünschen.
Die unendliche Geschichte ist ein literarischer und pädagogischer Glücksfall: Sie unterhält wie ein Fantasy-Roman, entführt also in eine andere Wirklichkeit, ist sich aber jederzeit der Gefahr dieses Aus-der-Welt-Verabschiedens bewußt. Der zweite Teil handelt von charakterlicher Verirrung und Identitätsverlust, gefolgt von harten Lektionen zur Korrektur der Fehler:
Bastian erhält AURYN, das Zeichen der Kindlichen Kaiserin in Form eines Amuletts, von derselben. Es hat die Macht, jeden seiner Wünsche in Phantásien Wirklichkeit werden zu lassen. Sein Aufgabe lautet, unter dem Leitspruch Tu was du willst wünschend Phantásien neu zu erschaffen und schöner als je zuvor werden zu lassen. In Wahrheit geht es im zweiten Teil von Die unendliche Geschichte um Bastians Persönlichkeitsentwicklung, weshalb Wilfried Kuckartz von einem Bildungsmärchen spricht (Wilfried Kuckartz: Michael Ende, Die unendliche Geschichte. Ein Bildungsmärchen. Verlag Die Blaue Eule, Essen: 1984). Es geht um die Überwindung der Scham aufgrund der angenommenen körperlichen Unzulänglichkeiten, um das Erlangen eines starken Selbstwertgefühls. Darüber hinaus geht es um das Finden / Entwickeln der eigenen Liebesfähigkeit. Es ist die zentrale Botschaft des zweiten Romanteiles, nachdem es im ersten Teil um die Bedeutung der menschlichen Fantasiebegabung ging, in der das Potential für beide Welten angelegt ist, »sich gegenseitig gesund zu machen«.
Das Ziel, die reale Welt, ist nur durch Erlernen menschlicher und charakterlicher Qualitäten möglich: ein Bildungsweg wird beschrieben, Fallstricke werden aufgezeigt, menschliche Schwächen. Hinter den märchenhaften Motiven stehen jeweils philosophische, anthropologische oder psychologische Einsichten. Es geht um Bewältigung des Alltags, um die Aufwertung des Lebens und Erlebens, um die ‘Normalisierung’ der sozialen Verhältnisse um Überwindung sozialer Kälte, um Toleranz und Mitmenschlichkeit.
Auseinandersetzung mit der virtuellen Schein-Alternative
Die Welt mit den Augen eines fantasiebegabten Kindes sehen heißt: Lust auf Erlebnisse in der Realität bekommen, die Realität mitgestalten wollen. Es heißt nicht: Hinter dem Computerbildschirm verschwinden und eintauchen in die abgeriegelte, perfekte, leidfreie und doch aufregende Simulation eines Online-Rollenspiels. Dass ich dabei doch angeblich tausenden wirklichen Personen begegnen kann, ist eine Ausrede der Spieleindustrie, auf der die soziale Ablehnung lastet, der Vorwurf, die jungen Menschen wie Rattenfänger aus der Stadt, sprich, aus dem realen Leben zu locken. Doch genau das ist der Fall: Die millionenfache, tägliche Produktion von Asozialität. Das Alter Ego in der virtuellen Welt ist wie ein Roboter, was ein Spieler durch ihn bewirken kann, entspricht nicht dem, was er durch seinen menschen Körper in der realen Welt bewirken kann. Der Spieler lässt sich unsichtbare Fäden an seine Gliedmaßen binden und bewegt sich als Marionette durch eine bunte Kulissenlandschaft.*
Baudrillard geht in seiner Kritik noch weiter: Für ihn beschränkt sich die Simulation nicht mehr nur auf den Cyberspace, sondern unsere ganze Kultur wurde von einer nicht mehr zu hintergehenden Simulation aufgezogen. Alle Dinge, die in unserem Leben eine Rolle spielen, sind Teil der Simulation von Welt.

Quelle: www.photocase.com
Ich deute Baudrillards Worte so, dass der Mensch es in seinem Streben nach Naturbeherrschung zu einem Stadium gebracht hat, in dem er nichts mehr mit der Natur zu schaffen hat. Stellvertreter, »Zauberlehrlinge«, technische Helferlein, erledigen dies nun für uns. Wir lassen arbeiten, auch wenn wir selbst zur Arbeit gehen. Aber uns fehlt das Bewußtsein, dass unsere Tätigkeit noch der Herrstellungen der Lebens-Mittel dient. Wir arbeiten nur noch für Geld, mit dessen Hilfe wir anschließend die verpackte und in Regalen verstaute Welt verkonsumieren. Dies ist die Simulation: Sie liegt in unserer Denkweise. Wem es nicht gelingt, bei einem Waldspaziergang kontemplative Erfahrungen zu machen, wen die Stille, das Andere, das Fremde nicht trägt, wer den Wald einzig als Refugium der Erholung, als Ausgleichsraum zum Stress des Stadtlebens ansieht, der lebt die Simulation, der kommt nicht mehr heraus, für den ist sie total.
Ich teile diese Radikalkritik Baudrillards nicht. Ich deute sie als einen bewußt überzogenen und angemessen lauten Aufrüttelungsversuch: eine Schocktherapie für die Kultur.
Zurück zum eigentlichen Thema. Die Unendliche Geschiche vermittelt eines nicht: Das das Glück leicht zu haben ist, ja, das es garantiert zu haben wäre. Es ist eine unbequeme Lektüre, eine, die bei richtigem Gebrauch auf das wahre Leben vorbereitet und dafür ausstattet – ein gelungenes Jugendbuch. Noch nicht lange auf Wanderschaft, muss Atreju bereits Abschied nehmen von seinem Pferd, der wünschende Bastian verfällt in Phantásien dem Argwohn und der Hybris, wodurch er Mord und Totschlag auslöst und in Ungnade auch beim Leser fällt und nur durch seinen radikalen Fall, durch Verzicht, Entbehrung und harte Arbeit (etwa die wochenlange Suche nach einem vergessenen Traum in einem engen Schacht unter Tage ohne Licht) erfährt er Reputation und nur dank der hart geprüften wahren Freundschaft mit Atreju bleibt ihm schließlich das absolute Versagen, das wunsch- und erinnerungslose Dahinvegetieren in der Alte Kaiser Stadt erspart. Wie albern, weil unverbindlich sind dagegen die meisten Versuche aktueller Fantasy-Produktionen, Suspens, Spannung aufzubauen. Wir wissen nun warum: Hinter »Die unendliche Geschichte« steht nicht allein die Absicht, zu unterhalten, sondern auf tiefer liegende Schichten des Seins hinzudeuten. Und dahinter wiederum steht ein echtes reformerisches Anliegen, steht echte Sorge, echtes Leid. Wie gesagt: Ein philosophisches Jugendbuch.
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Fußnote
* Wobei ich dafür plädiere, das Computerspiel nicht zu verteufeln: Welche Bezugsgröße als die Realität könnte als Maß dienen für die Qualität einer Simulation? Deutet nicht die Begeisterung auch solcher »im Leben angekommener« Spieler darauf hin, dass das Computerspiel als eine Feier bestimmter Sujets und Themen der (Pop-) Kultur gehandhabt werden kann? Ein zeitweiliges Schweben im künstlichen Raum, ein Anlegen bunter Kleider. Kein Suchtmittel, sondern ein Spiel, dem jeder Spieler auch überdrüssig werden kann?
Auf der anderen Seite steht unbestechlich die radikale Kritik: Wer sich auf ein Spiel in der Cyberwelt einlässt, verabschiedet sich aus jenem Beziehungsgeflecht, in dem eine Beziehung zur Natur, zu den anthropologischen Konstanten immerhin möglich ist. Er begiebt sich in eine leidfreie Existenz, die allerdings bedeutungslos ist, in einen süßen Traum, in eine Falle. Mein soeben unternommener Versuch, das moderne Computerspiel in der realen Welt zu verankern, wird dadurch vom Tisch gewischt, dass wir eine Konfrontation der Welten feststellen: Der Spieler kann sich prinzipiell in jeder der Welten zu Hause fühlen. Eine hoch budgetierte Computerspiel-Produktion schließt die Simulation einer Welt mit allen Faffinessen, mit Schwerkraft, Zeit, Wetter, planvollem Verhalten der vom Computer quasi-belebten Spielfiguren usf. ein. Es besteht also nurmehr die Frage, ob eine reale Person bereit ist, sich in ihren Ansprüchen so weit einzuschränken, dass sie die Simulation mit ihrem geringen Kompexitätsniveau als ihr eigentliches Zuhause willkommen heißt.
Derzeit werden die Spieler einerseits massiv bedrängt, diesen Schritt zu vollziehen – Spielt, spielt, spielt! Ihr Skeptiker: Spielt! Ihr Spieler: Spielt noch mehr! – andererseits allein gelassen von den Kulturvätern. Die Leipziger Messe wirbt massiv für ihre Messe, damit für die seelenlose Parallelwelt und steigende Umsätze. Die überwiegende Zahl der Botschaften um uns ermuntert uns zum Spielen, zum Verkonsumieren dieses Katzengoldes. Zur Vernachlässigung jener Welt, in der die wahren Glückspotentiale schlummern, die aber, und das ist der Preis der Realität, nur von dem gehoben werden können, der leiden und verzichten kann, wie der Atreju in Michael Endes freundlicher Version eines Parallel-Universums.