Kaena: Transhumanismus im Kino

19. September 2006

Macher: Chris Delaporte, Pascal Pinon / 2003

Die Geschichte entfaltet sich klassisch: Kaena, ein weiblicher Luke Skywalker, emanzipiert sich von der Beschränktheit ihrer Herkunft, einem die Götter fürchtenden Volk von Sammlern. Sie ist das chaotisch-individualistische Element, das dem Kollektiv und seiner sterbenden Welt einen weiteren Denkhoritont eröffnet und einen neuen Lebensraum erschließt.


Werbeposter für den Film Kaena in Paris

Die Heldin betet zu einer göttlichen Macht, der sie sich bewußt ist und die sich ihr in Visionen mitteilt. Dabei handelt es sich um eine Super-Technologie in Gestalt einer »Blauen Sonne«. Sie ist das über den Tod hinaus funktionierende – ich sollte sagen: denkende kollektive Gedächtnis eines untergegangenen Kollektivs.

Die früh aufgeklärten, das Schöne liebenden Franzosen bewältigen exemplarisch die Gratwanderung zwischen destruktiver Ungläubigkeit in Folge restlosen Aufgeklärtseins und dem menschlichen Bedürfnis nach Sinn und Spiritualität. Dem Film liegt unzweifelhaft die relativ junge Philosphie des Transhumanismus (de.wikipedia.org/wiki/Transhumanismus) zugrunde.

Zitat 1:

»Transhumanismus ist eine Philosophie und Bewegung, welche Veränderungen der menschlichen Spezies durch Technologie befürwortet oder philosophisch überdenkt im Hinblick auf mögliche Verbesserung der menschlichen Existenz. Der Name leitet sich ab lat. “trans” (jenseits von) und “humanum” (Mensch) und verweist auf das Bestreben, die Grenzen menschlicher Möglichkeiten und Bedingungen zu verändern und zu erweitern.«

Zitat 2:

»Die moderne Definition des Transhumanismus geht [...] auf Dr. Max More zurück: Transhumanismus ist eine Kategorie von Anschauungen, die uns in Richtung eines posthumanen Zustands führen. Transhumanismus teilt viele Aspekte mit dem Humanismus, einschließlich eines Respekts vor Vernunft und Wissenschaft, einer Verpflichtung zum Fortschritt und der Anerkennung des Wertes des menschlichen (oder transhumanen) Bestehens in diesem Leben. [...] Transhumanismus unterscheidet sich vom Humanismus im Erkennen und Antizipieren der radikalen Änderungen in Natur und Möglichkeiten unseres Lebens durch verschiedenste wissenschaftliche und technologische Disziplinen [...].«

Quelle: Wikipedia

Der Transhumanismus ist die hoffnungsvolle – berauschte, naive – Utopie, die das Digitale und das Analoge, das Anorganische mit dem Organischen verbindet. Die »Flucht nach vorn« angesichts einer sich in ihrer Orientierungslosigkeit und Widersprüchlichkeit überschlagenden Lebenswelt. Für namhafte moderne Künster und Philosophen (H.R. Giger, Baudrillard) dürfte dieser Versuch als die nächste Stufe einer fortwährenden Pervertierung natürlicher Lebensverhältnisse aufgefasst werden. Als die Auswüchse einer verirrten Menschheit. Der Transhumanismus glättet die Krise des modernen Menschen, transportiert ihn in eine posthumanistische Zukunft, in welcher der Cyborg oder bereits der kollektive körperlose Geist zum Führer und Beschützer geworden ist.

Der Film Kaena ist jedoch noch weit entfernt von einer Problematisierung dieser tiefschürfenden Bedeutungsdimension. Es ist ein Film für Kinder, eine intelligente, fantasievolle und überaus positive Fiktion, die aufgrund ihrer Neuartigkeit mehr fasziniert, als kitschig zu wirken. Er zeigt die wunderbare Verwandlung einer sterbenden Welt in ein blühendes Land des Neubeginns. Eine Verwandlung, die quasi auf Knopfdruck einsetzt und die motivierende Botschaft vermittelt: Es könnte doch so einfach sein!

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