oder: Der Kater nach der Götz-W.-Werner-Party
Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, das mir dargereicht wird, entscheide ich neuerdings anhand der Person des Wirtes. Thema Grundeinkommen: Ein Traum für die progressive Bürgerbewegung, die sich für die Zukunftssicherung täglich und nicht selten mit einem Ächzen dazu aufraffen muss, die Anliegen der NGO ihres Vertrauens zu verfechten. Endlich den Rücken frei! »Kulturarbeit« wie der Pseudo-Prof. Götz W. Werner es nennt, soll endlich angemessen belohnt werden. (Auch die gelernte Hausfrau und Mutter spendet ergriffen Beifall, als Götz W. Werner beschwörend wiederholt: »Träumen sie ruhig mal darüber.«)
Was aber, wenn mir berechtigte Zweifel am edlen Spender kommen? Wenn sich dieser gar als bezahlter Vertreter der Kapitalseite entpuppt? Nehme ich dann noch das Geschenk bereitwillig an und glaube an seine Lauterkeit? Gibt es ein Gutes im Schlechten?

Ein irrer Reformvorschlag
Angenommen, die Kapitalseite ließe sich im Tumult des Untergangs dazu hinreißen, das Grundeinkommen in die Tat umzusetzen, was wäre die Folge? Ein Deutschland, auf welches das Attribut einer »reichen Nation« in völlig neuer Weise Anwendung fände: Ausnahmslos alle Bürger wären materiell ‘gesegnet’. Dann ein großer Kaufrausch, eine ausgelassene Dauerparty, euphorische aber blinde Aufbruchsstimmung, wie zur Fußball-WM. Von verantwortungsbewußtem, Ressourcen sparendem Umgang keine Spur, denn schließlich wurde uns der neue Reichtum von irgend welchen Schlippsträgern nachgeschmissen. Wurde auch höchste Zeit, dass die mal was von ihrem Überfluss abgeben! Die Nachbarländer sprängen auf den Zug auf – Werner hat mit seiner Einschätzung der Vorbildwirkung völlig Recht. Europa feiert bis zum jüngsten Tag. Nur, dass dieser nicht mehr ferne ist.
Im Ernst: Ein bequemes Grundeinkommen, welches nicht im basisdemokratischen Arbeitskampf errungen wurde, ist Augenwischerei, ist kontraproduktiv für die Zukunftssicherung. Es käme zur Zementierung der Machtverhältnisse: Die progressiven Kräfte würden in’s gesellschaftliche Abseits der sozialen Hängematte gedrängt und hätten es fortan noch schwerer, Gehör zu finden. Das bedingungslose Grundeinkommen von Kapitalseite ist ein Zuckerbrot, vor dem man instinktiv zurückschrecken sollte: So leicht macht es uns das Leben nicht.

Umfangreicher Artikel zum Thema auf jungewelt.de.

3 Responses to “Bedingungloses Grundeinkommen”


  1. Eine Reaktion auf meinen Artikel via E-Mail:
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    >Zu Deinem Beitrag habe ich drei Fragen:
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    >Ist das bedingungslose Grundeinkommen wirklich nur ein Geschenk, oder die
    >Einsicht in eine dramatische gesellschaftliche Entwicklung, die uns ja
    >letzten Endes alle bedroht?
    >

    Götz Werner ist bestimmt ein selbstlos handelnder, sehr engagierter Mensch. Aber die Rolle, die er zur Zeit spielt, erfordert zusätzlich einen breiteren Blick auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge. Sein Blickwinkel ist zu eng. Er sieht die Gefahr – wer nicht – und handelt als guter Mann, als der Beschützer und Macher. Er müsste aber als Gesellschaftsreformer handeln, nicht nur als Kaufmann, und dazu gehört die genaue Kenntnis der marxistischen Theorie. Sein Plädoyer gegen die »Reichen-Steuer«, die noch dazu ein Eingeständnis der Fehlerhaftigkeit des Steuersystems war, klingt wie ein Zugeständnis an die Kapitalseite. So wird aber kein Schuh draus. Das ist aus logischen Gründen unmöglich.

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    >Dürfen nur Arme (Betroffene) über Lösungswege aus der Krise nachdenken?
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    Alle sollen selbstverständlich mitarbeiten. Es geht dabei nicht um arm oder reich, sondern um die erfolgversprechendste Herangehensweise.
    Ich selbst komme, sobald es um soziale Fragen geht, nicht mehr an Marx’ ‘Basics’ vorbei und mir ist auch noch kein respektabler Denker aufgefallen, der eine Theorie zu sozialen Fragen vorgelegt hätte, die das vermocht hätte. Eine der vielen Besonderheiten des kapitalistischen Systems ist, dass es die Verantwortung für Entscheidungen zerstreut. Immer weniger Menschen fühlen sich für etwas verantwortlich – Personen scheinen heute kaum noch Schuld zu haben. Auch die größten Fische können jederzeit sagen: »Sie hätten in meiner Situation doch genauso gehandelt!« Wenn aber keiner Schuld hat, bei wem müssen wir dann den Hebel ansetzen? – An der Wurzel des Übels, also den Eigentumsverhältnissen (schreibt auch Peter Kafka). Und das radikal (= zur Wurzel gehend).
    Wenn ein Mensch mit der marxistischen Theorie als Werkzeug gegen ungerechte und zum Untergang führende Verhältnisse angeht, dann und nur dann tut er, streng genommen, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft. Andernfalls tut er zwar immer noch etwas Sinnvolles für einen eingeschränkten Kreis von Leuten oder auch nur für sich selbst und seine eigene Entwicklung, aber daran sollte man nicht die Hoffnung knüpfen, dass so der Untergang abgewendet würde.
    Ich räume außerdem ein: Dass über der radikal und mit Hilfe der marxistischen Terminologie geführten Gesellschaftskritik nicht alle anderen alternativen Ideen und geistigen Entwürfe vergessen werden dürfen, dass hat uns der real existierende Sozialismus mit seinem Scheitern vor Augen geführt. Anthroposophen und alle Anderen sollen sich bitte einbringen. Aber was, wenn sie die Kapitalseite unwissentlich oder wissentlich, wohlwollend oder übelwollen – stärken? – Dann muss man ihnen den Spiegel vorhalten.
    Ob ein Aktivist, Denker, progressiv Handelnder arm ist oder reich, spielt dabei freilich keine Rolle. Sie oder er muss es nur ernst meinen und die Bereitschaft und die Offenheit mitbringen, weiter zu forschen, wenn sie oder er auf Ungereimtheiten oder Wiederstände stößt. Dass sie/er auf diese Weise beim Marxismus anlangt, davon bin ich überzeugt. Wer also den Marxismus als »verdächtige Ideologie« vom Tisch wischt, wie es Götz Werner versucht hat, der hat seine Hausaufgaben noch nicht erledigt.

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    >Warum sollte ein bedingungsloses Grundeinkommen zu einem Kaufrausch führen?
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    Geld ist nicht eben dafür bekannt, den Charakter zu verbessern. Das politische und ethische Bewußtsein kann nicht eingekauft werden. Und von allein wird es ebensowenig wachsen. Bei einem Grundeinkommen, Bürgergeld, Existenzgeld »von unten« wäre ein Erstarken der humanen Kräfte die Voraussetzung für seine Einführung. Nur so würden die Menschen auch lernen, was sie damit gewönnen und daran hätten.
    Nebenbei: Dass wir in Deutschland ein kulturelles Problem haben, davon bin ich überzeugt. Exemplare der deutschen Wirtschaftselite und alle, die es sich sonst leisten können, welche Jahre im Ausland gearbeitet haben und zurück nach Deutschland kommen, besuchen Seminare, um den Kulturschock angesichts der modernen Kulturbarbarei zu überwinden. Es ist contra-intuitiv, dass man negatives, neidisches, streisüchtiges, pessimistisches Denken und Fühlen mit einer Finanzspritze kurieren könnte.
    Die linke Diagnose lautet: Fortschreitende Entfremdung. D.h. wir verlieren die Beziehung zur stofflichen, humanen Basis: zur Natur, zu unseren Mitmenschen und zu unserer Arbeit. Wir werden immer mehr zu egozentrischen Konsummaschinen. Wodurch? Durch Konsum und Konsumdenken: Kosten – Nutzen, Preis, Aufwand, Ausgabe. Schiller sah ein Potential für die Humanität in der Verfeinerung der Genussfähigkeit durch den Erwerb schöner Dinge. Mag sein, dass er Recht hatte. Heute aber schätzen wir die Dinge nicht mehr, wir verbrauchen sie nur noch, egal wie kostbar sie sind (Wegwerf-Mentalität). Wie sollte sich daran etwas ändern, wenn wir plötzlich mehr konsumieren könnten?


  2. Hallo Torsten,

    wie soll nach Einführung des Grundeinkommens einer Putzfrau erklärt werden, dass sie für 5 Euro die Stunde weiterhin das Klo oder früh morgens um 4 Uhr das Büro putzen soll?
    Die Putzfrau wird sich fragen, ob sie das nötig hat.
    Warum sollen Renter oder Schüler früh morgens aus dem Bett springen und Zeitungen verteilen??

    Es wird, vor allem im Niedriglohnsektor, sofort massenweise Kündigungen geben und die Arbeitgeberseite müßte sich mit ausländischen Arbeitskräften (die kein Grundeinkommen erhalten) behelfen oder die Stundenlöhne erhöhen, was sich dann im Preis für alle wieder niederschlägt.
    Sind wir dann bereit für 2 Euro auf die öffentliche Toilette zu gehen???
    Wird die Tageszeitung dann 5 Euro statt 1,50 kosten??
    Wird unser Lieblingsrestaurant dann zur Selbstbedienungseinrichtung???

    Das kann mir bisher niemand schlüssig erklären, den jede Arbeit muß getan werden um unsere Welt am laufen zu halten. Der vorhergesagte Kaufrausch -Tschüs und Ade, wenn die Toilette 2 Euro und andere vom Niedriglohnsektor abhängende Produkte/Dienstleistungen plötzlich in die Höhe schießen. Die Einnahmen und Ausgaben bedingen einander. Keiner wird mehr haben!!!!!


  3. http://freigeldpraktiker.de/weltenaufgang/blog/article/was-wir-wissen-muessen/

    Da gibt es ein Link zum Buch von Karl Walkers/ über das goldene Mittelalter!

    Was sagt der Kaufmann zu diesem Thema?
    Das ist ja zum schwarz Lachen!

    Das heißt wenn wir dieses so machen dann gilt die totale Überwachung und mit Freigeld hat dies nichts zu tun!

    Grundeinkommen könnte man aber einfacher lösen .. haben wir ja fast schon!


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