Bundesregierung legt Sicherheitsbericht vor
15. November 2006
Hier ein Auszug aus dem heute (15.11.) veröffentlichten Bericht: Gewaltdelinquenz
Entgegen dem allgemeinen Trend, wonach die polizeilich registrierte Kriminalität seit Mitte der 1990er Jahre stagniert und zuletzt leicht rückläufig war, ist die registrierte Gewaltkriminalität seit 1999 um gut 18 % gestiegen. Der 2. PSB bestätigt jedoch, dass dieser Anstieg nicht notwendigerweise bedeutet, dass die allgemeine Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft tatsächlich zugenommen hat. Vielmehr ist der Anstieg auch auf eine Veränderung des Anzeigeverhaltens der Bevölkerung und eine abnehmende Toleranz gegenüber Gewalt vor allem im unmittelbaren sozialen Umfeld zurückzuführen. Die Aufhellung des Dunkelfeldes ist bei aller Besorgnis im Hinblick auf die Steigerungsrate erfreulich, denn die Polizei kann nur die Straftaten verfolgen, die ihr bekannt werden.
Quelle: http://www.bundesinnenminister.de/
Ich sehe den Anstieg der Gewaltbereitschaft als gegeben an. Es nehmen zu: Verrohung, Gleichgültigkeit, Egoismus: die moderne Barbarei.
Denken wir uns die Gesellschaft als ein Mobile: Am Rand die erschreckensten Formen seelischen Absterbens, im Zentrum hingegen treiben die gottähnlichsten Blüten humanen Schaffens. Die Entfernung des äußersten Gliedes zum nächstgelegenen Teil ist genau so groß, wie die Entfernung des schönsten Gliedes zu dessen nächstgelegenem. Wenn wir also von Gewaltverbrechen erfahren, die vor wenigen Jahren noch nicht denkbar gewesen wären, dann lässt dies auf ein Absinken des Gesamtniveaus schließen.
Könnte es also sein, dass auch die Instrumente, welche das Gewaltniveau messen sollen, diesem Absinken des Niveaus zum Opfer fallen? Ist es nicht ein deutliches Zeichen von Gewalt, wenn Menschen gleichgültig werden gegenüber dem allgemeinen Verfall und darum der Meinung sind, die Zustände hätte sich sogar verbessert?
Die Studie der Bundesregierung misst in erster Linie die zur Anzeige gebrachten Delikte. Wenn aber bspw. »die Gewalt [in Berlin Kreuzberg, TM] alltäglich geworden ist und zunimmt«, wie ein Polizeisprecher heute im Radio sagte, muss man dann nicht auch damit rechnen, dass sich der Bürger seltener die Mühe macht, im Ernstfall Anzeige zu erstatten?
In eine solche Studie sollte daher eine weitere Messgröße eingeführt werden: das Maß an Gleichgültigkeit, an Unfähigkeit, die Realität anzunehmen.
22. November 2006 at 12:34
Hallo Torsten,
ein paar Tage nach deinem Kommentar zum veröffentlichten Bericht: “Gewaltdelinquenz” nun der Amoklauf in Emsdetten.
Zufall, Statistik oder Schicksal???????
Führ Deine Gedanken bitte weiter………
23. November 2006 at 7:43
Ich “sehe” nicht mehr Gewalt. Und das, was ich in den Medien sehe, ist wohl eher ein verzertes Bild. Aber!!!: Erstens frage ich mich, warum Gewalt in dieser welt überhaupt vorhanden sein muss. Und da kommt mir natürlich gleich ein viel weiterer Gewaltbegriff in den Sinn: Warum darf ich denn keinen Menschen töten, wenn genau dass doch jeden Tag von “Staatsoberhäuptern” als vollkommen legitimes Instrument ausagiert wird (Israel-Palästina, USA-Irak, Todesstrafe, tolerierter Hungertod in der dritten Welt, tolerierter Infektionstod in der dritten Welt, obwohl es genug Lebensmittel, Wasser und Medikamente gibt,…).
Und zweitens (für mich ganz klar): Medienberichte über tote, gequälte Kinder (von Tieren fange ich hier gar nicht zu reden an) machen mich extrem bestürzt und wütend (vielleicht sogar gewaltbereit). Ein erhöhtes Anzeigeverhalten und eine gesunkene Gewalttoleranz kann ich in diesem Bereich nicht feststellen. Den Menschen geht es schlecht, sie stehen ohne Hilfe einem System gegenüber, welches Gewalt nicht kategorisch ablehnt, welches in allen (Politik)Bereichen Flickschusterei betreibt, nur um sich selbst am Leben zu erhalten, und damit so beschäfftigt ist, dass Gewalt und Gründe dafür absolut unbeachtet bleiben. Und so kommen wir zu drittens: Auch wenn von einer höheren Aufdeckungsrate die Rede ist, ist das noch lange nicht genug. (Beispiel aus meiner Magisterarbeit: Wolff schreibt von 30.000 polizeilich bekannten Fällen der Kindesmisshandlung und -vernachlässigung in der BRD pro Jahr. Er schätzt sie aber auf insgesamt 100.000 pro Jahr ein. Gleichzeitig ordnet er die Kindesvernachlässigung als die gefährlichste Art der Kindesmisshandlung ein.
Barth und andere Autoren meinen, dass sie das v.a. für Säuglinge und Kleinkinder ist.
Esser sagt aus, dass in Deutschland 5 bis 10 % aller Kinder klinisch relevant von ihren Eltern abgelehnt oder vernachlässigt werden.
Es gibt dahingehend auch genug Beispiele, bei denen Fälle von Kindeswohlgefärdung bekannt waren und absolut nichts dagegen unternommen wurde. Also: Aufdeckung ist die eine Seite, was tun, wenn man weiß, ist die andere Seite.