Film: The New World
15. November 2006
Über das Drama der Zivilisation und über Berührungspunkte von innerer und äußerer Natur
Wir wollen gern ursprünglich leben. Naturnah und ohne Schuld. Innere und äußere Natur sollen nicht im Widerspruch zueinander bestehen und uns psychisch entzweien. Wir alle wollen das.
Das Drama der Zivilisation sind die äußeren Zwänge, die durch das, was wir aufbauen, auf uns wirken. Ein Name dafür: Die Ordnung. Es heißt, wo keine Ordnung herrscht, herrscht das Chaos. Wer rational denkt und sozial fühlt, überwindet seine Sehnsucht nach diesem »Chaos«, nach der Freiheit, Abwesenheit von (selbst installiertem und aufrecht erhaltenem) Zwang, und fügt sich in die soziale Ordnung – Zivilisation. Doch er denkt beständig über eine neue Ordnung nach, eine neue Welt, die Freiheit in Harmonie möglich macht, ohne dass Elend und Tod hinter jeder Ecke lauern. Zivilisatorischer Fortschritt heute: Leitbild ist nicht länger der Wohlstand für die größte Zahl, sondern Wahrhaftigkeit, Angemessenheit, Reinheit. In der Theorie, versteht sich.
Wie werden wir dabei stets beschnitten: messianische Ambitionen, der Wunsch, selbst derjenige zu sein, der diese neue Ordnung errichtet, wird enttäuscht. Doch das natürliche Gebot, stets zu streben (Faust II!), ist stärker als die Vernunft und so hört Geschichte niemals auf, werden das Streben, Leiden, Sehnen immer weiter gehen.
Das Thema des Dramas »The New World« (2005) liegt vielen am Herzen, deshalb meine Empfehlung, sich geduldig auf den Bilderreigen einzulassen: poetisch, anspruchsvoll, auf unkonventionelle Art geschnitten. Sehr vieles wird der Fantasie des Zuschauers überlassen.
Ich lernte von diesem Film, wie nah sich innere und äußere Natur in einem Menschen kommen können. Dass es Berührungen, ja Deckungsgleichheit geben kann. Dass das Zerbrechen der äußeren Welt dem Ende der inneren Welt gleichkommen kann.
Spät erst wurde mir klar, dass hier die Geschichte von Pocahontas erzählt wird. In Bezug auf den Tod der Häuptlingstochter lässt der Film viel Raum für eigene Deutungen. Starb sie an gebrochenem Herzen? An der Unmöglichkeit, die wahre Liebe leben zu können, sich für die Pflicht entscheidend?
Nein, nicht die partnerschaftliche Liebe gibt den Ausschlag, sondern die Liebe zur Erdenmutter, deren Hervorbringung die geschlechtliche Liebe ist. Eine edle Seele wie diese stirbt nicht an gebrochenem Herzen. Herausgerissen aus ihrem Paradies der Unschuld, Zeugin von der beginnenden Überwältigung ihrer Welt, intelligent, das Ende der Indianer in Amerika zu erkennen (beim Besuch Englands, vielleicht schon früher), erleidet sie den größeren Verlust, als den der unmöglichen Zukunft zweier Liebenden. Sie scheint sich zu opfern für die Neue Welt, für die sie selbst nicht geschaffen ist.
Es ist damit kein schwarzer Tod, ganz und gar kein negativer Film. Das Licht, dass sie war, ist als Möglichkeit in der Welt verblieben. Die Indianerin geht die Verbindung mit dem Europäer ein. Ihr beider Sohn hat (historisch belegte) zahlreiche Nachkommen (Wikipedia Artikel engl.). Ironie des Schicksals: Auch der Bush-Clan erhebt Anspruch auf Pocahontas als Urahnin.