Film: Pans Labyrinth

25. März 2007

Spanien, 2006

Ein quälender Film, mitreißend, aber eben dadurch, dass er quält. Wie alle Geschichten, über denen als Motto stehen könnte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Hierin liegt ein kaum auszumerzender Stachel in unserer Kultur, denn die Bedeutung dieses Satzes macht eine klare Entscheidung in der Frage des richtigen Kampfes unmöglich: Gewaltsam oder gewaltfrei?
Wenn, wie im Film, das Gute sich der Gewalt der Welt zu beugen hat, lässt uns dies unbefriedigt – hoffend und bangend – zurück. (Ist der Tod das Ende? Besiegt das Gute den Tod?)
Die Utopie wartet jenseits des Todes, wie bei Hans-Christian Andersens stiller Szene »Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen«.

Der Film zeigt, wie es dazu kam, dass eine wirkliche Märchenprinzessin in der Zeit der faschistischen Franco-Diktatur ihr Leben lassen musste.
Wer diesen Satz ließt, könnte den Film gedanklich abzuhaken geneigt sein. Eine Frage: Wie viele Filme kennen Sie, denen es gelingt, die Grenze zwischen unserer Realität und der metaphorisch-symbolischen Welt der Märchen auf plausible und befriedigende Weise durchlässig zu machen? Mit anderen Worten: das Märchen in die Wirklichkeit einzubetten und umgekehrt? Welches Kunstwerk ist mit der entsprechenden Menge an Fantasie begnadet und ebenso geschickt komponiert?
Diesem Film gelingt das Kunststück. Beide Sphären fließen ineinander.

Auf dem Weg zum tragischen Ende wird die Seele gnadenlos weich geprügelt: Es geht um die Zeit der faschistischen Franco-Diktatur in Spanien und um den Guerillakampf des kommunistischen Widerstandes. Gut und Böse!
Erachten Sie es für untragbar, wenn ein geschichtliches Thema diesen Kalibers von Fantasy-Elemten durchsetzt wird? – Ich denke, es ist wichtig, an reale Schrecklichkeiten zu erinnern, um den gebührenden Rahmen für ein großes Thema zu schaffen.

Der Film macht mich doppelt betroffen: Erstens denke ich wieder daran, wie ich mich wohl entschieden hätte, wenn man mich vor die Wahl gestellt hätte, den spanischen Befreiungskampf damals mit zu führen. Zweitens macht das reine Herz der Prinzessin betroffen: Um dem Guten zu dienen, handele, wenn es sein muss, radikal unvernünftig. Die Betroffenheit entsteht bei der Erkenntnis, dass man sich von dem kindlich-unschuldigen und doch um vieles mächtigeren Wirklichkeitszugang durch Kompromisse auf dem Weg der Lebensbewältigung entfernt hat.

Das reine Böse des Faschismus, das Extrem: es stellt uns auf die Probe: Haben wir die Größe, den Mut und die Opferbereitschaft, um konsequent und permanent Widerstand zu leisten?
Diesem gegenüber erscheint die entkleidete Humanitas: Das Gute, welches in der Liebe wurzelt, im unbedingten Prinzip. Der Mensch wird zum Poeten, wie die Widerstandskämpfer gegen Franco es waren: Sie kämpften aus Idealismus – für eine Immaterialität – für nichts, was sie je würden in Händen halten können – für etwas Gutes, für das Gute – jedenfalls gaben sie diesem den Vorzug und nannten es schlicht »für die Sache«.
Welch ein Paukenschlag, welch ein Kontrast in plump-materialistischer Zeit und (wie oft) hysterischer Sorge. Doch ist es gut, wieder einmal an die Sorgen der Großeltern erinnert zu werden: Wie sie ein zerstörtes Land wieder aufbauen mussten und ihre zahlreichen Kinder nebenher groß zogen.

Der Film meistert die Synthese von Märchenwelt und Realtität. Wo  etwa der »Herr der Ringe« sich in die reine Anderswelt zurückzog und damit alle brennenden Fragen für das Hier und Jetzt der grenzenlosen Interpretation überließ, legt sich Pans Labyrinth fest und spricht eine deutliche Sprache: Entscheide dich, wem gilt deine Loyalität? Wessen Diener willst du sein im Leben?
Gut und Böse, die Märchenweltbegriffe werden plausibel beim Anblick des kaltblütig folternden und mordenden Hauptmannes und der klaglosen, gutherzigen und tapferen »Prinzessin« auf der anderen Seite. Die beiden Sphären werden untrennbar ineinander gegossen. Die Geschichte kommt ohne magische Tore aus, ohne Dimensionsverschiebungen, Zeitreisen, magische Eisenbahnen, Wandschränke, Diesseits und Jenseits. Es ist alles hier, es passiert jetzt. – Beginne zu schauen mit den Augen des Kindes: Gut gegen böse steht höher als das Alphabet des Zweckrationalismus.

Das unschuldige Mädchen als eine der höchsten irdische Formen des unbedingten Prinzips – die gute Prinzessin. Ihr Gefolge sind die Kämpfer in den Bergen. Brauchen sie den Sieg vor Augen, um ihre Kampfmoral zu halten? – Die überzeugtesten von Ihnen antworten: Wenn wir nicht gewinnen, so können wir es Ihnen wenigstens so schwer wie möglich machen!

Gibt es tatsächlich keinen Trost und kein Heil in der »Menschenwelt«? Ist das die Überzeugung der Schöpfer dieser traurigen Geschichte? Oder ist dieses Ende den Gesetzen der Dramaturgie geschuldet?
Wie auch immer: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« – daran gibt es nichts zu rütteln.

Was wir am meisten versäumen im Leben, sind die Gelegenheiten, Gutes zu tun. Sie ziehen in Trauerkleidung gesenkten Hauptes an meinem geistigen Auge vorüber.
Wo finden wir das Feuer, welches das Herz einer Märchenheldin Gutes tun lässt? So selbstverständlich, so brennend, so hell.

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