James Lovelocks Gaia-Interpretation
9. Februar 2008
Der gesellschaftliche Diskurs verhandelt die Gaia-Theorie James Lovelocks und stellt dabei die Frage, ob die Theorie zutreffend sei. – »Ist die Erde ein sich selbst regulierender Super-Organismus?«
Ist diese Art zu fragen überhaupt zeitgemäß? Es handelt sich um eine Entscheidungsfrage innerhalb des wissenschaftlichen Denkhorizontes, dem wir nach wie vor die Beschränktheit eines puristischen Empirismus zu unterstellen haben.
Die so genannte Gaia-Theorie bewegt sich der herrschenden Meinung zufolge im Grenzgebiet zwischen Wissenschaftlichkeit und Philosophie / Esotherik. In einer wissenschaftsgläubigen Geisteswelt wäre sie für den Abschuss freigegeben. Aber der Geist der Zeit hat erkannt, dass wir unsere Probleme mit reiner Wissenschaftsgläubigkeit nicht in den Griff bekommen werden.
Hier nun ein Vorschlag aus dem philosophischen Lager zum Umgang mit diesem Thema: Lasst uns eine wissenschaftliche Theorie als ein Angebot der Wirklichkeitsinterpretation begreifen. Das kopernikanische Weltbild wie auch Newtons Gravitationsgesetz sind akzeptable Denkgebäude und nicht die Repräsentanten ewiger Wahrheiten. Nehmen wir an, einem Quantenphysiker gelänge der Brückenschlag vom Reich der kleinsten Energieeinheiten hinauf in den Makrokosmos. Nehmen wir an, er könne das Fallen eines Steines quantentheoretisch beschreiben und vorhersagen. Der harte Stein würde sich in unserer Vorstellung verwandeln in seine geisterhafte Quanten-Entsprechung, in chaotisch wuselnde Energiefädchen. Nehmen wir weiter an, mit Hilfe dieser neuen Beschreibung ließen sich komplexe Phänomene wie das Wetter oder die Wolkenbildung oder ein Sandsturm oder Entscheidungsprozesse im menschlichen Gehirn beschreiben und vorhersagen – effizienter als mit den bekannten makrokosmischen Theorien, etwa Newtons Gravitationsgesetz. Der Wissenschaftsbetrieb würde umschwenken und sich auf diesen neuen Theoriekomplex einstellen. Der Preis für den Alltagsmenschen wäre wahrscheinlich der (ich verstehe zu wenig von Quantenphysik, um hier eine befriedigende Prognose liefern zu können, dies ist lediglich ein Gedankenexperiment), dass wir die Welt nicht mehr als das Spiel von Ursache und Wirkung, als die gegenseitige Beeinflussung von Massen und Kräften, begriffen, sondern als etwas gänzlich neues, flüssiges oder ganzheitliches oder totales oder welches Wort auch immer uns dafür am passendsten erscheinen würde. Newton wäre nicht vergessen, aber ebensowenig noch aktuell. Seine Theorien fänden keine Anwendung mehr und wären nur noch historisch interessant.
Es wäre nicht auszuschließen, dass jener Quantentheoretiker, dem der initiale Brückenschlag gelungen ist, die Theorien von Newton öffentlich als falsch bezeichnet, da sie ab einer bestimmten Stelle zu Denkfehlern führten. Seine Theorie hätte diese Klippen als erste und einzige umschifft und sei deshalb die wahre Theorie.
Analog zu dem radikalen Wandel in der Vorstellung zu Beginn der Neuzeit: Der Unterschied zwischen der Vorstellung des Himmels als einer Kuppel mit verschiedenen Sphären (Schalen), auf denen sich die Planeten in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Bahn um die Erde bewegten. Die Sphären-Theorie wurde zu Fall gebracht durch die effizientere Beschreibung Kopernikus und Galileis, die den Lauf der Gestirne präziser im Voraus berechnen konnten. Mit Einsteins Relativitätstheorie konnten im 20. Jahrhundert zusätzlich die Abweichungen in den Bahnen der Himmelskörper erklärt werden, die bekanntlich durch deren Eigenmassen entstehen. Einsteins Beitrag lieferte eine Präzisierung, keinen Umsturz der ursprünglichen Theorie.
Mit Galilei und anderen Vordenkern der beginnenden Neuzeit entfaltete sich das globale Programm der empirischen Wissenschaften. Seine Anhänger riefen später aus, dass mit den Lügen der Kirche endlich Schluss sei und man der Wahrheit Bahn geschaffen habe. Die Lüge, welche gegründet auf Macht und Autorität eine falsche Theorie verteidigt hätte. Auf der anderen Seite die Wahrheit oder auch nur das Streben nach einer nie je unerreichbaren Wahrheit, jedoch in dem unerschütterlichen Glaube an deren Existenz. Mit einem Wort: Wissenschaftliches Denken ist ein Denken in Wahr und Falsch.
Eben dieses Denken ist abzulehnen. Ich habe gezeigt, dass die neue Wirklichkeitsinterpretation unseres hypothetischen quantentheoretischen Brückenbauers deshalb als die verbindliche (nicht länger als die wahre) angenommen würde, weil sie leistungsfähiger, zweckmäßiger, nutzbringender wäre. – Ebenso verhält es sich mit der Gaia-Interpretation.
Lovelock wird in der einflussreichen Zeitschrift Rolling Stone (deutsche Ausgabe vom Februar 2008 ) zitiert, das er weniger an die wissenschaftliche Plausibilität seiner »Theorie« glaube, als vielmehr den augenscheinlichen Tatsachen Rechnung zu tragen versucht. Er gibt zu, dass er den beobachtbaren und spürbaren Vorgängen in der Biosphäre ebenso Bedeutung beimisst, wie Computermodellen zur Klima-Erforschung. Damit ist sein Horizont weiter gefasst als der des streng wissenschaftsgläubigen Menschens.
Was wäre gewonnen, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenn der Wissenschaftler beteuerte, er habe sich bei seiner Analyse im Vorfeld gewissenhaft an die empirischen Daten gehalten? Er würde die Schuld für eine eingetretene Katastrophe auf Mängel in der Theorie schieben. Auf der anderen Seite aber gäbe es Menschen, die Ihre Augen und ihre Intuition benutzt und daher früh erkannt hatten, was kommen würde. Solange aber die strenge Empirizität als die einzige Autorität gelten darf, verhallen jene Stimmen als Kassandrarufe.
Das interpretative Konstrukt Gaia über den Planeten Erde besagt, das es sich bei diesem um ein lebendiges System handelt. Man kann dieses Kontrukt absolut nehmen oder lediglich funktionalistisch. Bei Variante Zwei glaubt man also nicht an die Lebendigkeit des Planeten, sondern nimmt seine Quasi-Belebtheit aus methodischen Gründen an. Man scheidet auf diese Weise die spirituelle Dimension der Problematik ab und distanziert sich davon.
Die Einbeziehung der spirituellen Dimension aber eröffnet die Möglichkeit, solidarische Gefühle für das Einstellungsobjekt zu entwickeln. Dies hat Auswirkungen auf die Motivation und das Maß des Engagements, birgt andererseits jedoch die Gefahr von Fehlinterpretationen aufgrund von emotionaler Involviertheit.
Wer jedoch immerzu darauf bedacht ist, die spirituellen Aspekte eines Phänomens unberücksichtigt zu lassen und erst unter ihrer Ausscheidung glaubt, wissenschaftlich korrekt zu arbeiten, der wird den beschränkten Horizont des wissenschaftlichen Programmes nie durchbrechen. Denn die bloß funktionalistische Annahme, dass die Erde ein lebendiger Organismus wäre, führt zu einer Reduzierung des Lebendigen auf bloße Funktionsmechanismen: Es macht danach keinen Unterschied, ob die Erde ein zufällig entstandenes, nach Naturgesetzen geordnetes Produkt aus organischer und anorganischer Materie ist oder ein »Lebewesen«, da beide Beschreibungen auf das gleiche hinauslaufen, da Lebewesen keine zusätzliche (geistig-seelische) Qualität zugesprochen wäre.
Eine spirituell begriffene und angewandte Gaia-Interpretation von unserem Planeten, verankert in der wissenschaftlichen Praxis, würde jene stärker oder überhaupt zu einem ethischen Werkzeug machen. Aus einem solchen Weltbild entsprünge die Quelle der Motivation für ein der historischen Situation angemessenes Verhalten.
12. Februar 2008 at 1:01
Hallo Torsten,
erst einmal gratuliere ich Dir zur Rückkehr in die schreibende Zunft. Hat ja auch lang genug gedauert!
Die Gaia Theorie ist doch auch nur ein theoretisches Konstrukt, analog zu Kopernikus oder Newton zu sehen.
Wir sind von unserer Wahrnehmung so klein, dass wir immer wieder neue Aspekte des Lebens, der Erde und der Wissenschaft entdecken. Immer wieder und das Schritt für Schritt. Wir können eine Theorie nie als abgeschlossen oder endgültig betrachten. (Dabei fällt mir immer wieder unser erster Dozent für Philosophie ein und Platons-Höhlengleichnis)
Dynamit wurde aus einer „guten“ Idee heraus geschaffen. Die Folgen konnte niemand abschätzen, da es Neuland war und vor den Menschen ein neuer Lernprozess sich auftat.
Atomspaltung, Krebsforschung, Ionenantriebe, Marsexpedition …. Es wird noch vieles kommen, was wir noch nicht einmal erahnen.
Frag nicht nach dem WARUM. Lebe im hier und jetzt und versuche Deine eigene Wahrheit zu finden. In einem Augenblick der Gaia-Lebenszeit ist Deine eigene Lebenszeit beendet und Gaia existiert weiter, ob Du die letztendlich gültige oder halbfertige Theorie vom Ganzen gefunden hast oder nicht.
Die Motivation kommt aus Dir selbst, dazu brauchst Du keine „schöngefärbte“ Theorie.
12. Februar 2008 at 10:38
Hallo Robert,
danke für deinen konstruktiven Kommentar. Ja, es ist ein gutes Gefühl, endlich wieder Texte veröffentlichen zu können (denn für die Schublade zu schreiben ist unbefriedigend).
Zu deinem schönen Satz »Lebe im hier und jetzt und versuche deine eigenen Wahrheit zu finden« möchte ich ergänzen: Erhebe den Anspruch, dass diese »Wahrheit« (im Sinne von: Interpretation von Wirklichkeit!) es wert ist, von der Welt aufgegriffen und diskutiert zu werden. Die Geistes- und Wissenschaftsgeschichte ist »a great conversation«, so hat ein britischer Verlag eine interdisziplinäre Buchreihe genannt, in welcher er die Klassiker aus Philosophie und Naturwissenschaften versammelt hat.
Die Suche nach erklärungsmächtigeren Konstrukten läuft nicht in den Chefetagen ab: der soziale Kosmos mit seinen Systemen ist analog zur Erde als ein Organismus zu sehen.
Dazu fällt mir »Per Anhalter durch die Galaxis« ein. Hier wird dieser Gedanke auf die Spitze getrieben: Die Erde, so die Idee, ist ein von Außerirdischen gebauter, unkonventioneller doch genialer Super-Computer, dessen einzige Aufgabe es ist, die Frage auf die Antwort nach dem Sinn des Lebens zu finden(!). Die Menschen sind danach sozusagen vernetzte Denk-Zellen. (Ironischer Weise wird die Erde pulverisiert, Sekunden nachdem die Antwort von einem ganz normalen Mädchen gefunden worden war, wodurch die außerirdischen Konstrukteure ein Problem bekommen…)
Grüße,
Torsten