Bild-Zeitung, Deutung
27. August 2006
Die Bild-Zeitung ist für ihre Leser die gefügige Autorität. Sie ist das Ausscheren aus dem intellektuellen Pflichtprogramm, das Abwenden vom Über-Ich. Das, was das Gewissen belastet, was aus Trägheit geschieht und nicht aus einer Anstrengung heraus, wird von ihr legitimiert. Sie produziert Alibis für schlechte Eigenschaften: für Vorurteile, Gehässigkeit, Voyeurismus, Geschwätzigkeit, Penetranz, Pietätlosigkeit, Anmaßung usf.
Sie ist das große Nachgeben und wird deshalb gern gekauft. Die Methode der Kritik an der Bild-Zeitung und an den Boulevard-Produkten in ihrem Fahrwasser, egal welchen Mediums, ist unzureichend. Es stört den Bild-Leser nicht, wenn ein Journalist sachliche Fehler in mehreren Fällen nachweist. Denn dieser ist überhaupt nicht auf der Suche nach sachlich richtigen Informationen, die das Tagesgeschehen erfassen sollen. Die Themen der Bild Zeitung unterscheiden sich deutlich von denen der seriösen Tageszeitungen. Der Bild-Zeitungs-Leser sucht nach ’sozialen’ Informationen, die möglichst vorteilhaft für das Selbstbild sind. Ihre hohe Auflagezahl macht sie zum Leit- und Trend-Medium des sozialen Vergleichs in Deutschland.
Ihre Beliebtheit erschleicht sie sich mit Nachgiebigkeit – bequem und daher angenehm für den Leser. Mit einer Einschränkung: Das Wort wird nur der Zielgruppe geredet, Fremdgruppen erfahren nicht selten Ausgrenzung. Sie kommuniziert die Gruppennormen, die sie zuvor aus dem gesellschaftlichen Schmelztiegel in interpretativen Verfahren gewinnt. Wer sie ließt, findet sich besser in ’seiner’ Gesellschaft zurecht. Würde sie je elitär auftreten, könnte sie nicht länger damit rechnen, gelesen zu werden. Sie besteht nur aufgrund ihres symbiotischen Verhältnisses mit der spezifischen Schicht ihrer Leser.
Seriöser Journalismus hat Bewertungen anhand moralischer Standards, die immer auch mitzureflektieren sind, vorzunehmen. Der Journalismus der Bild-Zeitung hingegen ‘erspart’ ihren Lesern händereibend die Konfrontation mit moralischen Imperativen. Er ist daher anti-aufklärerisch und rückschrittlich.
Link: Bild-Zeitung bei Wikipedia
»Schluss mit Bild 2«
13. August 2006
Das Skandalblatt »Bild« hat erneut zum netzweiten Kreativ-Wettbewerb* aufgerufen. Diesmal: »Gestalte dein Anti-Poster!«
Erneut wählt sie das Mittel gezielter Provokation. Hier einige Reaktionen:
1. Zurück zur Korrektur, 2. Gerhard Henschel,taz, 3. Günter Wallraff
Scherz beiseite, was haben wir von der zweiten Provokations-Kampagne der Bild zu halten?
Der typische Bild-Leser wird erneut nur indirekt erreicht: Indem er nämlich mitbekommt, dass sich der typische Nicht-Bildleser mal wieder mächtig über das Blatt echauviert. Die eigentlichen Adressaten der Kampagne sind all jene, die das Dargebotene als anmaßende Provokation empfinden.
»Die Bild-Zeitung deckt auf. Unerschrocken und aufrecht wie Ghandi, Martin Luther King und Galileo Galilei.« ist nicht die einzige, aber eine naheliegende Interpretation der Plakate an großstädtischen Buswartehäuschen.
Und wozu? – Wenn es keine Skandale gibt, inszeniert man eben selbst einen. Aber es steckt mehr dahinter.
Die Konstrukteure der Bild-Zeitung haben ein Ethos etabliert: die »Wahrheit der Straße«, die des »kleinen Mannes«. Danach hält er allein das gesellschaftliche Räderwerk am Laufen. Nicht die Intellektuellen, die aus Prinzip über alles pikiert und in unverständlichen Worten die Nase rümpfen. Und die vor allen Dingen nichts verändern, die »immer nur reden«, während der Markt die nächste verheerende Kampfrunde einläutet und »Taten« gefragt sind. Bild ist Gosse, aber die Gosse entspricht am ehesten dem hier vorgeschlagenen Modell der Realität und also kann sich Bild als »ehrlicher« denn »intellektuelle« Zeitungen verkaufen.
Auf der Grundlage dieses Ethos wird die aktuelle Kampagne verständlicher. Bild provoziert ihre Kritiker und reizt sie zu Protestäußerungen. Die wiederum, so die Prognose, stoßen auf Unverständnis und Ablehnung bei den Bild-Lesern. Das soziale Konstrukt, welches eine Trennung zwischen Arbeitern und Intellektuellen herbeiredet, wird verstärkt.
»Bild« fährt wie gesagt nun bereits die zweite Kampagne dieser Art, wir erinnern uns widerstrebend an »Weg mit Bild« der Hamburger Agentur Jung von Matt. Als auflagenstärkste Tageszeitung (jeder 7 Deutsche ließt Bild) trägt sie aktiv zur Rückkehr der Klassengesellschaft in den Köpfen bei. Längst ist die Bezeichnung Bild-Leser zum häufig gebrauchten Schimpfwort in linken Kreisen geworden. Im Netz finden sich bereits Stimmen, die den Pranger auch für Bild-Leser, und nicht mehr nur für die Herausgeber, wünschen. Ein bewußt unterstützter Rückfall in überwunden geglaubte Denkweisen. Allerdings ist mehr als fraglich, ob diese Grenzüberschreitung den erhofften Profit generieren wird. Derzeit sind die Verkaufszahlen der Bild-Zeitung rückläufig.
- – -
* Zitat: »Dank Christian von jawl.net gibt es jetzt zwei Vorlagen für die Bild Kampagne
http://www.jawl.net/downloads/bild-vorlage.psd
http://www.jawl.net/downloads/bild-vorlage.jpg
Es wäre nett, wenn man die Vorlagen auch in anderen Blogs verbreiten würde. Bisher sind in drei Tagen schon 61 65 Variationen eingetroffen. Mal sehen, wieviel noch zusammen kommen. Danke an alle, die mitmachen.«