Philosophische Praxis
17. Januar 2007
Die reine Lebensbewältigung ist alles andere als ein Spaziergang. Das menschliche Erkenntnisvermögen ist der Ausgangspunkt für unzählige Widersprüche. Im Laufe seines Lebens macht der Mensch immer wieder krisenhafte Veränderungsprozesse durch. Einem jeden gebürt Respekt, der diesen Weg würdevoll und in Gänze zu gehen versteht.
Wie der Philosoph Helmuth Plessner festgestellt hat, ist der Mensch als »exzentrisches« Lebewesen zu jeder Zeit vor die Aufgabe gestellt, seine Person sinnvoll und damit zufriedenstellend zu entwerfen – sich selbst und der Welt gegenüber. Leben ist danach kein passives Erleiden von äußeren und inneren Einflüssen, sondern sollte vielmehr als ein aktiver Gestaltungsprozess begriffen werden.
In einer Kultur des Denkens und Welterkennens, in welcher die Absolutheit der Wirklichkeit und der Wahrheit methodisch in Zweifel gezogen werden können – und dies völlig zu Recht – auf solch einem geistigen Nährboden gedeiht auch Orientierungslosigkeit, die bis zur Ohnmacht reicht: Wie wenig vermeinen wir mit aktivem Handeln gegen die Katastrophen des täglichen Weltgeschehens noch ausrichten zu können!
Nichts und niemand kann dem gebildeten modernen Individuum die Entscheidungen abnehmen, welche allein zu einem selbstbestimmten, erfolgreichen Leben es führen können. Doch es gibt Hilfe von Seiten der Philosophie: Orientierungswissen sowie die Kompetenz, eigenen Erkenntnisse systematisch zu entwickeln und auf diese aufzubauen.
Das Sich-Verlassen auf »Normalität«, als ein sehr solides Refugium der Sicherheit und Kontinuität, hat einen entscheidenden Nachteil: Es beraubt den Gebundenen seiner geistigen Freiheit. Der Naive aber fühlt das Ungenügen, das ihm daraus erwächst und manch einer macht sich auf, um sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Ziel und Aufgabe einer modernen philosophischen Praxis kann und muss es daher erstens sein, den Menschen zu befähigen, Bewährtes und Tradiertes in Zweifel zu ziehen, zu überdenken, zu ersetzen – mit der Aussicht auf persönlichen und humananen Fortschritt.
Der neuzeitliche Glaube an die empirischen Wissenschaften macht es uns leicht, dieses Angebot der Philosophie auszuschlagen und statt dessen – bei aller Fachkenntnis – naiv zu bleiben. Machen wir uns bewusst: Nicht die Summe der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ist ausschlaggebend für die Fähigkeit eines der Wirklichkeit angemessenen Denk- und Erkenntnisvermögens!
Angesichts der Ungerechtigkeit und Widersprüchlichkeit des Weltgeschehens kann nicht länger von einer Herrschaft der Vernunft die Rede sein. Vielmehr vom Umschlagen der Vernunft in Aberwitz. Dies kenntlich zu machen und zugleich als Korrektiv zu dienen, ist die zweite Aufgabe einer modernen philosophischen Praxis.
Die Neuzeit hat einen Fakt in aller Schärfe aus dem Nebel vergangener Epochen hervortreten lassen: Wo wir es nicht wahrhaben wollen, ahnen wir es doch zumindest; dass nämlich der Überzeugtheit von einer ‘Wahrheit’ ein interpretatorischer Akt vorausgehen muss. »Wahrheit« wird, was wir als solche »erkennen«. »Erkennen« wir etwas anders, machen wir uns einen anderen Reim auf das, was wir erleben, wahrnehmen, ist auch etwas anderes »wahr«.
Die Kultur leistet einen unverzichtbaren Beitrag dazu, dass die unbegrenzten Möglichkeiten des Menschen, Wirklichkeiten zu erschaffen, nicht in heillosem Durcheinander münden.
Planvoll wollen wir unsere Gesellschaft entwickeln, zivilisiert und gerecht.
Doch wie steht es um unsere Kultur? – Die Philosophie kann und möchte Antwort geben auf diese wichtige Frage. Sie ist die für diese Aufgabe bestgeeignetste aller Wissenschaften.
Die Grenzen philosophischer Beratung verlaufen im Inneren des Individuums: Wo es an der Kraft zum Entschluss mangelt, verharren wir in bloßen Worten, in »bewegter Luft«. Insofern gilt: Alles philosophische Orientierungswissen entspricht einem Placebo und keinem modularen Wirkstoff nach dem Muster einer Tablette.
Für die individuelle Lebensbewältigung muss sich jeder selbst entscheiden durch die Kraft des ihm gegebenen freien Willens.