Zeit: Arbeit und Leben
28. August 2008
Die Bäume beugen sich
im scharfen Wind
Sie raunen freundlich:
Komm in’s Land!
Den Mähnen von Steppenpferden ähnlich
bewegen sich ihre Äste.
Halte Maß und betrachte sie in der Ruhe!
Der Mensch braucht Muße
um in die Sphäre der lebendigen Natur zu gelangen.
Dort erwächst ihm neue Lust
auf tätiges Streben.
Die hemmende Schimäre unerledigter Aufgaben:
Sie betäubt den vorwärts drängenden Geist.
Besser, wir organisieren uns Erfolge!
Lasst uns diszipliniert die Stunden
der Arbeit nutzen.
Lasst uns treu zur Natur
diese Zeit nicht überschreiten.
* * *
Das Gedicht verdankt sich einem Erkenntnis- und Reifeprozess im Zuge der Berufsausübung. In Sachsen scheint es vielerorten üblich zu sein, unbezahlte Überstunden zu leisten. Dem muss der Angestellte von sich aus etwas entgegen setzen.
Konzentrations- und Leistungseinbußen, die mit einer Ausdehnung der Arbeitszeit einher gehen, begünstigen weitere Einbußen gleicher Art. Die Abwärtsspirale muss durch einen disziplinierten Arbeitsstil und Einhaltung der Arbeitszeit durchbrochen werden. In der Freizeit muss eine tatsächliche Widerherstellung der Kräfte angestrebt werden, damit die mögliche Leistung während der Arbeitszeit zur bewältigung noch der unliebsamsten und schwierigsten Tätigkeiten aufgebracht werden kann.
Die disziplinierte Arbeitszeitnutzung geht also Hand in Hand mit einer klugen Freizeitgestaltung (Arbeits- und Freizeit in Balance).
Royalistische Erbauung
Der Film handelt von der Selbstüberschätzung der Mary Boleyn, die in unverhältnismäßiger Weise mit dem Feuer spielt, um eine vermeintliche doch nichtsdestotrotz erlittene Kränkung durch ihre Schwester Anne auszugleichen. Und vom Lohn der pragmatischen Klugheit und tugendhaften Standhaftigkeit (Anne). Diese Elemente machen in britischer Tradition stehend das vordergründige Anliegen des sehenswerten Films aus.
Bildungswert und Interpretation
Der Film ist eine Annäherung an den entsagungsreichen Alltag des Lebens bei Hofe. Die Stände- und Adelsordnung zwingt die Menschen in soziale Rollen, die selten als angemessen empfunden werden. Das Individuum sucht – zumindest nach moderner Vorstellung – sein Glück in ihm gemäßen Lebensverhältnissen (Partnerschaft und gesellschaftliche Funktion, Beruf). Zur Erfüllung bedarf es der Entscheidungsfreiheit und der Abwesenheit gesellschaftlicher Schranken. Wo diese Freiheiten fehlen, und wo – wie bei Hofe – Macht über Menschen hinzukommt, blühen Dekadenz und Zynismus.
Gezeigt wird die Bürde des Königs, der keine Schwächen zeigen darf und dem ein dauerhaftes Liebesglück versagt bleibt. Menschlich, allzumenschlich handelt er grausam gegen seine Untertanen um verlorenes seelisches Gleichgewicht wieder herzustellen: Die Erkenntniss, mit einer Entscheidung für den Tod vieler Menschen verantwortlich zu sein, desweiteren Entsagung oder allgemeine Frustration aufgrund von permanenter Anspannung verlangen nach Kompensation. Die Verletzung oder Zerstörung von Mitmenschen, der Besitz einer schönen Frau sind mögliche Formen dieser Kompensation.
Der Film lässt jedoch das tiefe Bedauern des Königs über die Beschaffenheit jener Wirklichkeit durchscheinen: Im zärtlichen Geständnis über die Schönheit Annes und in der genauen Kenntniss ihres Charakters zeigt sich, dass er sie und damit dass er überhaupt liebt.
Hier ähnelt der Film dem »Mädchen mit dem Perlenohrring« (Scarlett Johansson in der Rolle der Dienstmagd Griet), in dem die Unmöglichkeit der Liebeserfüllung aufgrund von gesellschaftlichen Umständen im barocken Bürgertum thematisiert wird.
James Lovelocks Gaia-Interpretation
9. Februar 2008
Der gesellschaftliche Diskurs verhandelt die Gaia-Theorie James Lovelocks und stellt dabei die Frage, ob die Theorie zutreffend sei. – »Ist die Erde ein sich selbst regulierender Super-Organismus?«
Ist diese Art zu fragen überhaupt zeitgemäß? Es handelt sich um eine Entscheidungsfrage innerhalb des wissenschaftlichen Denkhorizontes, dem wir nach wie vor die Beschränktheit eines puristischen Empirismus zu unterstellen haben.
Die so genannte Gaia-Theorie bewegt sich der herrschenden Meinung zufolge im Grenzgebiet zwischen Wissenschaftlichkeit und Philosophie / Esotherik. In einer wissenschaftsgläubigen Geisteswelt wäre sie für den Abschuss freigegeben. Aber der Geist der Zeit hat erkannt, dass wir unsere Probleme mit reiner Wissenschaftsgläubigkeit nicht in den Griff bekommen werden.
Hier nun ein Vorschlag aus dem philosophischen Lager zum Umgang mit diesem Thema: Lasst uns eine wissenschaftliche Theorie als ein Angebot der Wirklichkeitsinterpretation begreifen. Das kopernikanische Weltbild wie auch Newtons Gravitationsgesetz sind akzeptable Denkgebäude und nicht die Repräsentanten ewiger Wahrheiten. Nehmen wir an, einem Quantenphysiker gelänge der Brückenschlag vom Reich der kleinsten Energieeinheiten hinauf in den Makrokosmos. Nehmen wir an, er könne das Fallen eines Steines quantentheoretisch beschreiben und vorhersagen. Der harte Stein würde sich in unserer Vorstellung verwandeln in seine geisterhafte Quanten-Entsprechung, in chaotisch wuselnde Energiefädchen. Nehmen wir weiter an, mit Hilfe dieser neuen Beschreibung ließen sich komplexe Phänomene wie das Wetter oder die Wolkenbildung oder ein Sandsturm oder Entscheidungsprozesse im menschlichen Gehirn beschreiben und vorhersagen – effizienter als mit den bekannten makrokosmischen Theorien, etwa Newtons Gravitationsgesetz. Der Wissenschaftsbetrieb würde umschwenken und sich auf diesen neuen Theoriekomplex einstellen. Der Preis für den Alltagsmenschen wäre wahrscheinlich der (ich verstehe zu wenig von Quantenphysik, um hier eine befriedigende Prognose liefern zu können, dies ist lediglich ein Gedankenexperiment), dass wir die Welt nicht mehr als das Spiel von Ursache und Wirkung, als die gegenseitige Beeinflussung von Massen und Kräften, begriffen, sondern als etwas gänzlich neues, flüssiges oder ganzheitliches oder totales oder welches Wort auch immer uns dafür am passendsten erscheinen würde. Newton wäre nicht vergessen, aber ebensowenig noch aktuell. Seine Theorien fänden keine Anwendung mehr und wären nur noch historisch interessant.
Es wäre nicht auszuschließen, dass jener Quantentheoretiker, dem der initiale Brückenschlag gelungen ist, die Theorien von Newton öffentlich als falsch bezeichnet, da sie ab einer bestimmten Stelle zu Denkfehlern führten. Seine Theorie hätte diese Klippen als erste und einzige umschifft und sei deshalb die wahre Theorie.
Analog zu dem radikalen Wandel in der Vorstellung zu Beginn der Neuzeit: Der Unterschied zwischen der Vorstellung des Himmels als einer Kuppel mit verschiedenen Sphären (Schalen), auf denen sich die Planeten in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Bahn um die Erde bewegten. Die Sphären-Theorie wurde zu Fall gebracht durch die effizientere Beschreibung Kopernikus und Galileis, die den Lauf der Gestirne präziser im Voraus berechnen konnten. Mit Einsteins Relativitätstheorie konnten im 20. Jahrhundert zusätzlich die Abweichungen in den Bahnen der Himmelskörper erklärt werden, die bekanntlich durch deren Eigenmassen entstehen. Einsteins Beitrag lieferte eine Präzisierung, keinen Umsturz der ursprünglichen Theorie.
Mit Galilei und anderen Vordenkern der beginnenden Neuzeit entfaltete sich das globale Programm der empirischen Wissenschaften. Seine Anhänger riefen später aus, dass mit den Lügen der Kirche endlich Schluss sei und man der Wahrheit Bahn geschaffen habe. Die Lüge, welche gegründet auf Macht und Autorität eine falsche Theorie verteidigt hätte. Auf der anderen Seite die Wahrheit oder auch nur das Streben nach einer nie je unerreichbaren Wahrheit, jedoch in dem unerschütterlichen Glaube an deren Existenz. Mit einem Wort: Wissenschaftliches Denken ist ein Denken in Wahr und Falsch.
Eben dieses Denken ist abzulehnen. Ich habe gezeigt, dass die neue Wirklichkeitsinterpretation unseres hypothetischen quantentheoretischen Brückenbauers deshalb als die verbindliche (nicht länger als die wahre) angenommen würde, weil sie leistungsfähiger, zweckmäßiger, nutzbringender wäre. – Ebenso verhält es sich mit der Gaia-Interpretation.
Lovelock wird in der einflussreichen Zeitschrift Rolling Stone (deutsche Ausgabe vom Februar 2008 ) zitiert, das er weniger an die wissenschaftliche Plausibilität seiner »Theorie« glaube, als vielmehr den augenscheinlichen Tatsachen Rechnung zu tragen versucht. Er gibt zu, dass er den beobachtbaren und spürbaren Vorgängen in der Biosphäre ebenso Bedeutung beimisst, wie Computermodellen zur Klima-Erforschung. Damit ist sein Horizont weiter gefasst als der des streng wissenschaftsgläubigen Menschens.
Was wäre gewonnen, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenn der Wissenschaftler beteuerte, er habe sich bei seiner Analyse im Vorfeld gewissenhaft an die empirischen Daten gehalten? Er würde die Schuld für eine eingetretene Katastrophe auf Mängel in der Theorie schieben. Auf der anderen Seite aber gäbe es Menschen, die Ihre Augen und ihre Intuition benutzt und daher früh erkannt hatten, was kommen würde. Solange aber die strenge Empirizität als die einzige Autorität gelten darf, verhallen jene Stimmen als Kassandrarufe.
Das interpretative Konstrukt Gaia über den Planeten Erde besagt, das es sich bei diesem um ein lebendiges System handelt. Man kann dieses Kontrukt absolut nehmen oder lediglich funktionalistisch. Bei Variante Zwei glaubt man also nicht an die Lebendigkeit des Planeten, sondern nimmt seine Quasi-Belebtheit aus methodischen Gründen an. Man scheidet auf diese Weise die spirituelle Dimension der Problematik ab und distanziert sich davon.
Die Einbeziehung der spirituellen Dimension aber eröffnet die Möglichkeit, solidarische Gefühle für das Einstellungsobjekt zu entwickeln. Dies hat Auswirkungen auf die Motivation und das Maß des Engagements, birgt andererseits jedoch die Gefahr von Fehlinterpretationen aufgrund von emotionaler Involviertheit.
Wer jedoch immerzu darauf bedacht ist, die spirituellen Aspekte eines Phänomens unberücksichtigt zu lassen und erst unter ihrer Ausscheidung glaubt, wissenschaftlich korrekt zu arbeiten, der wird den beschränkten Horizont des wissenschaftlichen Programmes nie durchbrechen. Denn die bloß funktionalistische Annahme, dass die Erde ein lebendiger Organismus wäre, führt zu einer Reduzierung des Lebendigen auf bloße Funktionsmechanismen: Es macht danach keinen Unterschied, ob die Erde ein zufällig entstandenes, nach Naturgesetzen geordnetes Produkt aus organischer und anorganischer Materie ist oder ein »Lebewesen«, da beide Beschreibungen auf das gleiche hinauslaufen, da Lebewesen keine zusätzliche (geistig-seelische) Qualität zugesprochen wäre.
Eine spirituell begriffene und angewandte Gaia-Interpretation von unserem Planeten, verankert in der wissenschaftlichen Praxis, würde jene stärker oder überhaupt zu einem ethischen Werkzeug machen. Aus einem solchen Weltbild entsprünge die Quelle der Motivation für ein der historischen Situation angemessenes Verhalten.