Royalistische Erbauung
Der Film handelt von der Selbstüberschätzung der Mary Boleyn, die in unverhältnismäßiger Weise mit dem Feuer spielt, um eine vermeintliche doch nichtsdestotrotz erlittene Kränkung durch ihre Schwester Anne auszugleichen. Und vom Lohn der pragmatischen Klugheit und tugendhaften Standhaftigkeit (Anne). Diese Elemente machen in britischer Tradition stehend das vordergründige Anliegen des sehenswerten Films aus.

Bildungswert und Interpretation
Der Film ist eine Annäherung an den entsagungsreichen Alltag des Lebens bei Hofe. Die Stände- und Adelsordnung zwingt die Menschen in soziale Rollen, die selten als angemessen empfunden werden. Das Individuum sucht – zumindest nach moderner Vorstellung – sein Glück in ihm gemäßen Lebensverhältnissen (Partnerschaft und gesellschaftliche Funktion, Beruf). Zur Erfüllung bedarf es der Entscheidungsfreiheit und der Abwesenheit gesellschaftlicher Schranken. Wo diese Freiheiten fehlen, und wo – wie bei Hofe – Macht über Menschen hinzukommt, blühen Dekadenz und Zynismus.
Gezeigt wird die Bürde des Königs, der keine Schwächen zeigen darf und dem ein dauerhaftes Liebesglück versagt bleibt. Menschlich, allzumenschlich handelt er grausam gegen seine Untertanen um verlorenes seelisches Gleichgewicht wieder herzustellen: Die Erkenntniss, mit einer Entscheidung für den Tod vieler Menschen verantwortlich zu sein, desweiteren Entsagung oder allgemeine Frustration aufgrund von permanenter Anspannung verlangen nach Kompensation. Die Verletzung oder Zerstörung von Mitmenschen, der Besitz einer schönen Frau sind mögliche Formen dieser Kompensation.
Der Film lässt jedoch das tiefe Bedauern des Königs über die Beschaffenheit jener Wirklichkeit durchscheinen: Im zärtlichen Geständnis über die Schönheit Annes und in der genauen Kenntniss ihres Charakters zeigt sich, dass er sie und damit dass er überhaupt liebt.
Hier ähnelt der Film dem »Mädchen mit dem Perlenohrring« (Scarlett Johansson in der Rolle der Dienstmagd Griet), in dem die Unmöglichkeit der Liebeserfüllung aufgrund von gesellschaftlichen Umständen im barocken Bürgertum thematisiert wird.

Paarbeziehung (Lyrik)

13. Dezember 2006

Ein Wort das schwer
Über die Lippen geht:
Das derbe Wort Weib

Es fühlt sich schlimmer an
Als die Worte
Pfannkuchen, Backblech, Pumpernickel
Zusammengenommen

Es beschreibt ein Wesen
Wie es vor 200 Jahren
Über die Erde gegangen sein mag

Wie sieht es aus,
Das Weib?
Rund und stämmig,
Die Haut weiß mit roten Flecken, erhitzt von der Arbeit.

Es ist erfüllt von der Pflicht:
Die Kinder, der Haushalt, die Einkäufe, die Küche, das Mehl, die Plätzchen, die Einkäufe…

Spiegel trotzigen Unmuts:
»Weib«
Begann sie der Gatte
Eines Tages zu rufen
Was sie ihm mit »mein Herr« vergalt.

Getriebene zu jeder Zeit
Schwer zu sagen,
Ob von innen oder von außen.
Wer hatte Schuld an den Mühen?

Fügten sich beide
Waren das alte Weib
Und der alte Herr
Am Ende eine ruhige Insel.

Machen Killerspiele gewalttätig? Diese aktuell diskutierte Frage gibt die Anwort in gewisser Weise vor. Gefragt wird: Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Computerspielen und der Gewaltausübung? Längst haben sich jedoch Kommentatoren zu Wort gemeldet, die diese Herangehensweise kritisieren: Nicht modular sollen wir denken, sondern ganzheitlich. Nicht: »Führt A zu B und sollten wir darum A verbieten?«, sondern »Warum gibt es A, warum gibt es B und wie sind sie verknüpft?«. Das Prinzip Pille, die nur ein Symptom unterdrückt, die Krankheit jedoch unangetastet lässt.

Doch auch die überlegtere Herangehensweise kratzt nurmehr an der Oberfläche des eigentlichen Problems: Eine menschliche Gesellschaft, welche Individuen hervorbringt, die den Bezug zur sinnlichen Realität verloren haben.

Bemerkung: Der nachfolgende Text ist zeitmangelbedingt noch nicht in seiner endgültigen Form. Er wird von mir überarbeitet. In ihn sind zahlreiche assoziierte Themen eingeflossen, die dem Leser zuliebe einer separaten Abhandlung unter einer eigenen Überschrift bedürften.


Gewaltfantasien und tatsächliche Gewaltausübung

In der Individualentwicklung ist es unerlässlich, dass der Mensch seine Grenzen erfährt: Bis hierher und nicht weiter, andernfalls droht das Scheitern. Auch und besonders in moralischen Fragen gilt dies, wiewohl hier stärker der Charakter gefragt ist, als in gesetzlich geregelten Bereichen. Der Staat wird sanktionierend tätig erst ab einer bestimmten Schadwirkung, die von allgemein unmoralischen Handlungen ausgehen. Dass unter diesen Voraussetzungen die Mehrzahl der die Lebensqualität verschlechternden Probleme nicht berührt wird, sollte jedem klar werden: Mit einer einheitlichen Gesetzgebung und einer starken öffentlichen Hand, ist zunächst nur der Rahmen gegeben, innerhalb dessen eine freie Gesellschaft ein menschenwürdiges Gemeinschaftsleben ausprägen kann. Tägliches Mobbing am Arbeitsplatz kann massive Verschlechterung der Lebenssituation begünstigen oder gar auslösen, doch es ist weit davon entfernt, als illegal eingestuft zu werden. Weitere Beispiele für Fälle, in denen die Verantwortung beim Individuum liegt: Unzufriedenheit in der Beziehung führt verstärkt zu Trennung und Bindungsangst. Stress durch hohes Arbeitsaufkommen schlägt sich oft nieder in Form von Spannungen im Privatleben und der Dauerkonsum medialer Angebote bedeutet Entsinnlichung und Entfremdung und, wie ich im Folgenden auszuführen versuche, kann eine Inkompetenz zur Realitätsbewältigung nach sich ziehen.

Inwieweit die vorhandenen Möglichkeiten also genutzt oder gar ausgeschöpft werden, hängt von der moralischen Verfasstheit der Individuen (innere Haltung, Ethos) und von tiefer liegenden kulturellen Unterströmungen ab (Unterströmungen im Unterschied zum Mainstream, der sich prinzipiell jenseits von Moral bewegt, indem er ganz an der herkonstruierten Marktlogik ausgerichtet ist.).

Gelingt einem Individuum im Laufe seiner Persönlichkeitsentwicklung die Ausprägung eigener moralischer Standards, die sich gegen Mainstreameinflüsse behaupten können, kann von virtueller Gewalt keine Gefahr für die psychische Integrität ausgehen. Computerspiele sind und bleiben dann auf dem Level von (Gewalt-)Fantasien, welche unzweifelhaft Berechtigung haben (Stichwort Probehandeln) angesiedelt.

Wer sich feste moralische Grenzen erworben hat, ist gegen Realitätsverlust durch virtuelle Verfremdung gefeit. Denn feste moralische Grenzen sind nichts anderes, als ein Wissen um ganzheitliche Zusammenhänge, ein Wissen, das keine Flucht in die Verantwortungslosigkeit zulässt, und nichts anderes ist die Regression hin zu archaischer Mordlust.


Virtualität oder Realität?

Doch wie hängt dies mit der Diagnose zusammen, dass wir den Bezug zur sinnlichen Realität verlieren, woraus letztendlich die zu beklagenden irrationale Gewalttaten erwachsen?
Moralischer Standards sind keine Kopfgeburten, keine entkoppelten Konstruktionen, sondern sie sind abgestimmt auf eine vorhandene materielle und soziale Wirklichkeit. Diese gilt es zunächst auf möglichst viele Arten zu erfahren und zu durchdenken. Zu diesem Erfahrungsprozess müssen auch die medialen Angebote ihren Teil beitragen. Nimmt aber der Anteil an medial vermittelten Erfahrungen überhand, stimmt der Mensch seine moralischen Standards nicht mit der eigentlichen Realität ab, sondern mit einem überaus künstlichen Ausschnitt derselben: Er wird inkompetent zu moralischen Urteilen, die auf wirklichen, im Unterschied zu virtuellen, Sachverhalten beruhen. Wirkliche Sachverhalte haben den virtuellen Sachverhalten voraus, dass sie gekoppelt sind an die Substanzen der Dinge. Substantialität aber ist der rote Faden, mit dessen Hilfe Menschen die Welt erkennen und beherrschen können.

Gunman
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Dies bedarf einer näheren Erläuterung. Als virtuell müssen weit mehr Sachverhalte gelten, als Computer generierte Repräsentationen. Virtuell ist die Werbetafel am Straßenrand oder an der Bushaltestelle, sind die nachgestellten sozialen Realitäten in Telenovelas und Seifenoper. Auch Reality-Shows bilden keine Wirklichkeit ab, sondern erzeugen eine virtuelle soziale Realität. Da sie aber übergreifen auf die soziale Wirklichkeit außerhalb der Medien, etwa indem sie den Geschmack prägen, Trends setzen, ist auch die soziale Realität virtuell zu nennen. Und dies umso mehr, je weiter der Einfluss der kulturellen Unterströmung verdrängt wird vom Mainstream. Zugespitzt formuliert lässt sich sagen: Der Mainstream ist virtuell, während die kulturelle Unterströmung an die gegenständliche, sinnlich erfahrbare Realität gebunden ist. Und weiter: Indem der Mainstream Informationen in starkem Maße filtert, manches überbetont, manches ignoriert, ist er verlogen. Indem die Unterströmung dies zwar auch tut (verengter Horizont durch die Konzentration auf bestimmte Denkmuster, Selektion durch ästhetische Vorlieben, persönliche Stileigenheiten, etc.), aber motiviert ist von dem realen Bedürfnis des Individuums, ist diese als entschieden wahrhaftiger zu bezeichnen.

Wahrhaftigkeit beim Erschließen der Realität hilft, Leid zu vermeiden und zu mindern. Verklärung durch Virtualisierung erzeugt und reproduziert Leid und sorgt im Interesse der Machthaber dafür, die Ursachen von Leid unentdeckt zu lassen.

Sich an der diffusen Unterströmung zu orientieren und das Geschehen im Mainstream von dieser Warte aus kritisch zu bewerten, ist eine Bürgerpflicht! Aufgeklärte, mündige, streitbare, ihre Sache vertretende Staatsbürger sind das Ideal. Ein vom Marktgesetz korrumpierter Mainstream ist nichts, woran mensch sich orientieren sollte, wenn er sich nicht verlieren will.

Substantialität in gering virtualisierter Umwelt

Durch die physische Bedrohung, die vom repressiven Spitzel-Apparat in der DDR ausging, war die Sphäre der Realität in der DDR-Gesellschaft der Sphäre der Virtualität übergeordnet. Seit dem Fall des eisernen Vorhanges verbreitet sich die Virtuelle Realität, welche gefügig macht, gegenüber den Zumutungen, gleichgültig gegenüber den Verbrechen. Die Markideologen selbst wissen nicht, was sie tun, sind hypnotisiert vom Zauber, vom Rausch der Möglichkeiten, von dem Glanz des Goldenen Käfigs. Das Leben wird zur Achterbahnfahrt, weil entzückte Kindmenschen es frei gestalten dürfen. Neben dem Zwang des Kapitals gelten keine Verbindlichkeiten, im kulturellen Raum führt eine zunehmend verspielte Fantasie das Zepter. Leistete vormals die Bindung an die Substanzen der Dinge eine natürliche unfehlbare Intuition von Richtig und Falsch, Gut und Böse, müssen wir uns heute gegenseitig erzählen, woran wir uns zu halten haben. Erspüren können wir die Notwendigkeit diesen oder jenen moralischen Verhaltens jedoch kaum mehr.

DDR-Schriftsteller beklagten nach der 1989er Wende das Unverbindlichkeits-Phänomen: Was man damals nicht schreiben durfte, interessiert heute niemanden mehr. Doch nicht etwa, weil die Menschen zu dumm wären, ein Gedicht zu verstehen, oder zu faul einen Roman zu lesen, sondern weil sie verführt wurden von den Angeboten des virtuell gewordenen Marktes. Dieser saugt die Lebenswirklichkeit, die Kultur, die Tradition ein wie ein schwarzes Loch, assimiliert, transformiert unaufhörlich. Tägliche Einflüsterung: dass alle Kunst, die sich der Substantialität, der Realität, der Wahrhaftigkeit, dem »grauen Alltag« verpflichtet fühlt, öde, ewig gestrig, schlecht angezogen, versponnen – und realitätsfern (! ) sei.
Die soziale Wirklichkeit in der DDR war – selbstverständlich ist dies in erster Linie der Planwirtschaft geschuldet – stärker von substantiell-existentiellen und natürlichen anstatt von medial gefilterten Realitätsbezügen geprägt, war durch und dank staatlicher Repression und medialer ‘Rückständigkeit’ sehr viel näher an der reinen Lebenswirklickeit, als es die virtuelle Realität des ‘allmächtigen’ Marktes heute ist.

Der Einzelne war und lebte wahrhaftiger. Das Leben und seine Prioritäten waren gewisser und verbindlicher. – Nichts, was sich nicht durch bewussten Konsum und durch Verzicht auf Verzichtbares heute wieder erreichen ließe! Wir müssen allerdings generell unseren Skeptizismus in Bezug auf das Wahre und Gute ablegen, sondern akzeptieren, dass diese Werte durch die Liebe unhintergehbar in der Welt gegeben sind und dass sie uns, die Akteure in die Pflicht nehmen und dass jene Denkmuster, die uns aus der Pflicht entlassen, falsch und verwerflich sind.

Orientierungsverlust durch übergreifende Virtualisierung

Auf zwei Grundsätze stützt sich meine Überlegung: a) Zur Reife des Menschen bedarf es eines organischen Wachstums, und dazu bedarf es der unverbauten Möglichkeiten des Kontaktes mit den Dingen. b) Nicht modular will die Wirklichkeit verstanden sein, sondern ganzheitlich.
Viele der Erfahrungen, die uns das Leben in der technisierten Zivilisation erleichtert oder erspart, sind unerlässlich für den Reifeprozess. Spätestens in der Beziehungskrise lernt der Egoist, dass es nicht nur seine Wünsche und Ziele gibt, sondern auch die des Partners. Die virtuelle Welt bietet mannigfache Möglichkeiten, sich seiner Verantwortung zu entziehen. Zu ihr stand der Wunsch Pate, dass es eine Befreiung von der ‘banalen Existenz’ gäbe. Bereits die Alten Griechen und auch das Mittelalter kannten die Idee einer zweiten Kunstwelt, neben der Realität.

Stichwort Realitätsflucht. Ein berechtigter Vorwurf. Die Kunst soll der Verdeutlicheung und Deutung, der Verzauberung, Überhöhung, Verehrung und der Feier der Realität dienen, zu der jedoch stets zurückgeführt werden muss. Die Realität ist Ausgangs- und Endpunkt wahrhaftiger Kunst.

Die Virtualität ist der Überschlag der Kunst in die Realitätsflucht. Ist unser Wesen aber in der Realität gegründet, können uns die Angebote der Virtualität nicht psychisch deformieren. Wir verfügen über die Macht der Interpretation dieser Angebote. Wir verstehen sie, gebrauchen sie, ohne uns von ihnen einspinnen zu lassen.

Verelendung

Bei aller effektiv gefühlter Erhöhung des Selbst durch die mediale Verfremdung der Wirklichkeit geht das Gefühl für die realen Missstände beim Individuum offenbar nicht verloren, sondern wird allenfalls zugedeckt. Wie die veröffentlichten Tagebucheinträge des im Wald aufgefundenen Selbstmörders und mutmaßlichen Amokläufers zeigen, überhöhte sich dieser stilistisch, jedoch aus einer realen Elendssituation heraus. Alle Beziehungen werden aufgekündigt. Alle Brücken abgerissen. Was war, ist kaum etwas wert. Nihilismus, Fatalismus, Einsatz des eigenen Lebens für die Realwerdung der Allmachtsfantasie, der einmalige Gipfel der Lebensintensität. Die virtuell verfälschte Bilanz schreibt deutliche Zahlen: Ein wertloses Leben gegen den Glanz der überragenden Stellung in der Virtualität.

So geht die Verlagerung des Orientierungsmittelpunktes von der materiellen, »rohen«, ursprünglichen Wirklichkeit, in die mehrfach überformte Kultursphäre und Künstlichkeit einher mit einer Abwertung des ursprünglich Sinnlichen. Wir verlernen die Lust am bloßen Leben und indem das ursprünglich Reale schwindet, wird aus dem Spiel existentieller Ernst. Allerdings bleibt der ‘Spieler’ selbst in seiner Verklärung befangen: Die Entscheidung zum Amoklauf geht einher mit dem Abbruch aller Beziehungen zur substantiellen Realität.