Royalistische Erbauung
Der Film handelt von der Selbstüberschätzung der Mary Boleyn, die in unverhältnismäßiger Weise mit dem Feuer spielt, um eine vermeintliche doch nichtsdestotrotz erlittene Kränkung durch ihre Schwester Anne auszugleichen. Und vom Lohn der pragmatischen Klugheit und tugendhaften Standhaftigkeit (Anne). Diese Elemente machen in britischer Tradition stehend das vordergründige Anliegen des sehenswerten Films aus.
Bildungswert und Interpretation
Der Film ist eine Annäherung an den entsagungsreichen Alltag des Lebens bei Hofe. Die Stände- und Adelsordnung zwingt die Menschen in soziale Rollen, die selten als angemessen empfunden werden. Das Individuum sucht – zumindest nach moderner Vorstellung – sein Glück in ihm gemäßen Lebensverhältnissen (Partnerschaft und gesellschaftliche Funktion, Beruf). Zur Erfüllung bedarf es der Entscheidungsfreiheit und der Abwesenheit gesellschaftlicher Schranken. Wo diese Freiheiten fehlen, und wo – wie bei Hofe – Macht über Menschen hinzukommt, blühen Dekadenz und Zynismus.
Gezeigt wird die Bürde des Königs, der keine Schwächen zeigen darf und dem ein dauerhaftes Liebesglück versagt bleibt. Menschlich, allzumenschlich handelt er grausam gegen seine Untertanen um verlorenes seelisches Gleichgewicht wieder herzustellen: Die Erkenntniss, mit einer Entscheidung für den Tod vieler Menschen verantwortlich zu sein, desweiteren Entsagung oder allgemeine Frustration aufgrund von permanenter Anspannung verlangen nach Kompensation. Die Verletzung oder Zerstörung von Mitmenschen, der Besitz einer schönen Frau sind mögliche Formen dieser Kompensation.
Der Film lässt jedoch das tiefe Bedauern des Königs über die Beschaffenheit jener Wirklichkeit durchscheinen: Im zärtlichen Geständnis über die Schönheit Annes und in der genauen Kenntniss ihres Charakters zeigt sich, dass er sie und damit dass er überhaupt liebt.
Hier ähnelt der Film dem »Mädchen mit dem Perlenohrring« (Scarlett Johansson in der Rolle der Dienstmagd Griet), in dem die Unmöglichkeit der Liebeserfüllung aufgrund von gesellschaftlichen Umständen im barocken Bürgertum thematisiert wird.
James Lovelocks Gaia-Interpretation
9. Februar 2008
Der gesellschaftliche Diskurs verhandelt die Gaia-Theorie James Lovelocks und stellt dabei die Frage, ob die Theorie zutreffend sei. – »Ist die Erde ein sich selbst regulierender Super-Organismus?«
Ist diese Art zu fragen überhaupt zeitgemäß? Es handelt sich um eine Entscheidungsfrage innerhalb des wissenschaftlichen Denkhorizontes, dem wir nach wie vor die Beschränktheit eines puristischen Empirismus zu unterstellen haben.
Die so genannte Gaia-Theorie bewegt sich der herrschenden Meinung zufolge im Grenzgebiet zwischen Wissenschaftlichkeit und Philosophie / Esotherik. In einer wissenschaftsgläubigen Geisteswelt wäre sie für den Abschuss freigegeben. Aber der Geist der Zeit hat erkannt, dass wir unsere Probleme mit reiner Wissenschaftsgläubigkeit nicht in den Griff bekommen werden.
Hier nun ein Vorschlag aus dem philosophischen Lager zum Umgang mit diesem Thema: Lasst uns eine wissenschaftliche Theorie als ein Angebot der Wirklichkeitsinterpretation begreifen. Das kopernikanische Weltbild wie auch Newtons Gravitationsgesetz sind akzeptable Denkgebäude und nicht die Repräsentanten ewiger Wahrheiten. Nehmen wir an, einem Quantenphysiker gelänge der Brückenschlag vom Reich der kleinsten Energieeinheiten hinauf in den Makrokosmos. Nehmen wir an, er könne das Fallen eines Steines quantentheoretisch beschreiben und vorhersagen. Der harte Stein würde sich in unserer Vorstellung verwandeln in seine geisterhafte Quanten-Entsprechung, in chaotisch wuselnde Energiefädchen. Nehmen wir weiter an, mit Hilfe dieser neuen Beschreibung ließen sich komplexe Phänomene wie das Wetter oder die Wolkenbildung oder ein Sandsturm oder Entscheidungsprozesse im menschlichen Gehirn beschreiben und vorhersagen – effizienter als mit den bekannten makrokosmischen Theorien, etwa Newtons Gravitationsgesetz. Der Wissenschaftsbetrieb würde umschwenken und sich auf diesen neuen Theoriekomplex einstellen. Der Preis für den Alltagsmenschen wäre wahrscheinlich der (ich verstehe zu wenig von Quantenphysik, um hier eine befriedigende Prognose liefern zu können, dies ist lediglich ein Gedankenexperiment), dass wir die Welt nicht mehr als das Spiel von Ursache und Wirkung, als die gegenseitige Beeinflussung von Massen und Kräften, begriffen, sondern als etwas gänzlich neues, flüssiges oder ganzheitliches oder totales oder welches Wort auch immer uns dafür am passendsten erscheinen würde. Newton wäre nicht vergessen, aber ebensowenig noch aktuell. Seine Theorien fänden keine Anwendung mehr und wären nur noch historisch interessant.
Es wäre nicht auszuschließen, dass jener Quantentheoretiker, dem der initiale Brückenschlag gelungen ist, die Theorien von Newton öffentlich als falsch bezeichnet, da sie ab einer bestimmten Stelle zu Denkfehlern führten. Seine Theorie hätte diese Klippen als erste und einzige umschifft und sei deshalb die wahre Theorie.
Analog zu dem radikalen Wandel in der Vorstellung zu Beginn der Neuzeit: Der Unterschied zwischen der Vorstellung des Himmels als einer Kuppel mit verschiedenen Sphären (Schalen), auf denen sich die Planeten in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Bahn um die Erde bewegten. Die Sphären-Theorie wurde zu Fall gebracht durch die effizientere Beschreibung Kopernikus und Galileis, die den Lauf der Gestirne präziser im Voraus berechnen konnten. Mit Einsteins Relativitätstheorie konnten im 20. Jahrhundert zusätzlich die Abweichungen in den Bahnen der Himmelskörper erklärt werden, die bekanntlich durch deren Eigenmassen entstehen. Einsteins Beitrag lieferte eine Präzisierung, keinen Umsturz der ursprünglichen Theorie.
Mit Galilei und anderen Vordenkern der beginnenden Neuzeit entfaltete sich das globale Programm der empirischen Wissenschaften. Seine Anhänger riefen später aus, dass mit den Lügen der Kirche endlich Schluss sei und man der Wahrheit Bahn geschaffen habe. Die Lüge, welche gegründet auf Macht und Autorität eine falsche Theorie verteidigt hätte. Auf der anderen Seite die Wahrheit oder auch nur das Streben nach einer nie je unerreichbaren Wahrheit, jedoch in dem unerschütterlichen Glaube an deren Existenz. Mit einem Wort: Wissenschaftliches Denken ist ein Denken in Wahr und Falsch.
Eben dieses Denken ist abzulehnen. Ich habe gezeigt, dass die neue Wirklichkeitsinterpretation unseres hypothetischen quantentheoretischen Brückenbauers deshalb als die verbindliche (nicht länger als die wahre) angenommen würde, weil sie leistungsfähiger, zweckmäßiger, nutzbringender wäre. – Ebenso verhält es sich mit der Gaia-Interpretation.
Lovelock wird in der einflussreichen Zeitschrift Rolling Stone (deutsche Ausgabe vom Februar 2008 ) zitiert, das er weniger an die wissenschaftliche Plausibilität seiner »Theorie« glaube, als vielmehr den augenscheinlichen Tatsachen Rechnung zu tragen versucht. Er gibt zu, dass er den beobachtbaren und spürbaren Vorgängen in der Biosphäre ebenso Bedeutung beimisst, wie Computermodellen zur Klima-Erforschung. Damit ist sein Horizont weiter gefasst als der des streng wissenschaftsgläubigen Menschens.
Was wäre gewonnen, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenn der Wissenschaftler beteuerte, er habe sich bei seiner Analyse im Vorfeld gewissenhaft an die empirischen Daten gehalten? Er würde die Schuld für eine eingetretene Katastrophe auf Mängel in der Theorie schieben. Auf der anderen Seite aber gäbe es Menschen, die Ihre Augen und ihre Intuition benutzt und daher früh erkannt hatten, was kommen würde. Solange aber die strenge Empirizität als die einzige Autorität gelten darf, verhallen jene Stimmen als Kassandrarufe.
Das interpretative Konstrukt Gaia über den Planeten Erde besagt, das es sich bei diesem um ein lebendiges System handelt. Man kann dieses Kontrukt absolut nehmen oder lediglich funktionalistisch. Bei Variante Zwei glaubt man also nicht an die Lebendigkeit des Planeten, sondern nimmt seine Quasi-Belebtheit aus methodischen Gründen an. Man scheidet auf diese Weise die spirituelle Dimension der Problematik ab und distanziert sich davon.
Die Einbeziehung der spirituellen Dimension aber eröffnet die Möglichkeit, solidarische Gefühle für das Einstellungsobjekt zu entwickeln. Dies hat Auswirkungen auf die Motivation und das Maß des Engagements, birgt andererseits jedoch die Gefahr von Fehlinterpretationen aufgrund von emotionaler Involviertheit.
Wer jedoch immerzu darauf bedacht ist, die spirituellen Aspekte eines Phänomens unberücksichtigt zu lassen und erst unter ihrer Ausscheidung glaubt, wissenschaftlich korrekt zu arbeiten, der wird den beschränkten Horizont des wissenschaftlichen Programmes nie durchbrechen. Denn die bloß funktionalistische Annahme, dass die Erde ein lebendiger Organismus wäre, führt zu einer Reduzierung des Lebendigen auf bloße Funktionsmechanismen: Es macht danach keinen Unterschied, ob die Erde ein zufällig entstandenes, nach Naturgesetzen geordnetes Produkt aus organischer und anorganischer Materie ist oder ein »Lebewesen«, da beide Beschreibungen auf das gleiche hinauslaufen, da Lebewesen keine zusätzliche (geistig-seelische) Qualität zugesprochen wäre.
Eine spirituell begriffene und angewandte Gaia-Interpretation von unserem Planeten, verankert in der wissenschaftlichen Praxis, würde jene stärker oder überhaupt zu einem ethischen Werkzeug machen. Aus einem solchen Weltbild entsprünge die Quelle der Motivation für ein der historischen Situation angemessenes Verhalten.
Film: Pans Labyrinth
25. März 2007
Spanien, 2006
Ein quälender Film, mitreißend, aber eben dadurch, dass er quält. Wie alle Geschichten, über denen als Motto stehen könnte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Hierin liegt ein kaum auszumerzender Stachel in unserer Kultur, denn die Bedeutung dieses Satzes macht eine klare Entscheidung in der Frage des richtigen Kampfes unmöglich: Gewaltsam oder gewaltfrei?
Wenn, wie im Film, das Gute sich der Gewalt der Welt zu beugen hat, lässt uns dies unbefriedigt – hoffend und bangend – zurück. (Ist der Tod das Ende? Besiegt das Gute den Tod?)
Die Utopie wartet jenseits des Todes, wie bei Hans-Christian Andersens stiller Szene »Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen«.
Der Film zeigt, wie es dazu kam, dass eine wirkliche Märchenprinzessin in der Zeit der faschistischen Franco-Diktatur ihr Leben lassen musste.
Wer diesen Satz ließt, könnte den Film gedanklich abzuhaken geneigt sein. Eine Frage: Wie viele Filme kennen Sie, denen es gelingt, die Grenze zwischen unserer Realität und der metaphorisch-symbolischen Welt der Märchen auf plausible und befriedigende Weise durchlässig zu machen? Mit anderen Worten: das Märchen in die Wirklichkeit einzubetten und umgekehrt? Welches Kunstwerk ist mit der entsprechenden Menge an Fantasie begnadet und ebenso geschickt komponiert?
Diesem Film gelingt das Kunststück. Beide Sphären fließen ineinander.
Auf dem Weg zum tragischen Ende wird die Seele gnadenlos weich geprügelt: Es geht um die Zeit der faschistischen Franco-Diktatur in Spanien und um den Guerillakampf des kommunistischen Widerstandes. Gut und Böse!
Erachten Sie es für untragbar, wenn ein geschichtliches Thema diesen Kalibers von Fantasy-Elemten durchsetzt wird? – Ich denke, es ist wichtig, an reale Schrecklichkeiten zu erinnern, um den gebührenden Rahmen für ein großes Thema zu schaffen.
Der Film macht mich doppelt betroffen: Erstens denke ich wieder daran, wie ich mich wohl entschieden hätte, wenn man mich vor die Wahl gestellt hätte, den spanischen Befreiungskampf damals mit zu führen. Zweitens macht das reine Herz der Prinzessin betroffen: Um dem Guten zu dienen, handele, wenn es sein muss, radikal unvernünftig. Die Betroffenheit entsteht bei der Erkenntnis, dass man sich von dem kindlich-unschuldigen und doch um vieles mächtigeren Wirklichkeitszugang durch Kompromisse auf dem Weg der Lebensbewältigung entfernt hat.
Das reine Böse des Faschismus, das Extrem: es stellt uns auf die Probe: Haben wir die Größe, den Mut und die Opferbereitschaft, um konsequent und permanent Widerstand zu leisten?
Diesem gegenüber erscheint die entkleidete Humanitas: Das Gute, welches in der Liebe wurzelt, im unbedingten Prinzip. Der Mensch wird zum Poeten, wie die Widerstandskämpfer gegen Franco es waren: Sie kämpften aus Idealismus – für eine Immaterialität – für nichts, was sie je würden in Händen halten können – für etwas Gutes, für das Gute – jedenfalls gaben sie diesem den Vorzug und nannten es schlicht »für die Sache«.
Welch ein Paukenschlag, welch ein Kontrast in plump-materialistischer Zeit und (wie oft) hysterischer Sorge. Doch ist es gut, wieder einmal an die Sorgen der Großeltern erinnert zu werden: Wie sie ein zerstörtes Land wieder aufbauen mussten und ihre zahlreichen Kinder nebenher groß zogen.
Der Film meistert die Synthese von Märchenwelt und Realtität. Wo etwa der »Herr der Ringe« sich in die reine Anderswelt zurückzog und damit alle brennenden Fragen für das Hier und Jetzt der grenzenlosen Interpretation überließ, legt sich Pans Labyrinth fest und spricht eine deutliche Sprache: Entscheide dich, wem gilt deine Loyalität? Wessen Diener willst du sein im Leben?
Gut und Böse, die Märchenweltbegriffe werden plausibel beim Anblick des kaltblütig folternden und mordenden Hauptmannes und der klaglosen, gutherzigen und tapferen »Prinzessin« auf der anderen Seite. Die beiden Sphären werden untrennbar ineinander gegossen. Die Geschichte kommt ohne magische Tore aus, ohne Dimensionsverschiebungen, Zeitreisen, magische Eisenbahnen, Wandschränke, Diesseits und Jenseits. Es ist alles hier, es passiert jetzt. – Beginne zu schauen mit den Augen des Kindes: Gut gegen böse steht höher als das Alphabet des Zweckrationalismus.
Das unschuldige Mädchen als eine der höchsten irdische Formen des unbedingten Prinzips – die gute Prinzessin. Ihr Gefolge sind die Kämpfer in den Bergen. Brauchen sie den Sieg vor Augen, um ihre Kampfmoral zu halten? – Die überzeugtesten von Ihnen antworten: Wenn wir nicht gewinnen, so können wir es Ihnen wenigstens so schwer wie möglich machen!
Gibt es tatsächlich keinen Trost und kein Heil in der »Menschenwelt«? Ist das die Überzeugung der Schöpfer dieser traurigen Geschichte? Oder ist dieses Ende den Gesetzen der Dramaturgie geschuldet?
Wie auch immer: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« – daran gibt es nichts zu rütteln.
Was wir am meisten versäumen im Leben, sind die Gelegenheiten, Gutes zu tun. Sie ziehen in Trauerkleidung gesenkten Hauptes an meinem geistigen Auge vorüber.
Wo finden wir das Feuer, welches das Herz einer Märchenheldin Gutes tun lässt? So selbstverständlich, so brennend, so hell.