Royalistische Erbauung
Der Film handelt von der Selbstüberschätzung der Mary Boleyn, die in unverhältnismäßiger Weise mit dem Feuer spielt, um eine vermeintliche doch nichtsdestotrotz erlittene Kränkung durch ihre Schwester Anne auszugleichen. Und vom Lohn der pragmatischen Klugheit und tugendhaften Standhaftigkeit (Anne). Diese Elemente machen in britischer Tradition stehend das vordergründige Anliegen des sehenswerten Films aus.

Bildungswert und Interpretation
Der Film ist eine Annäherung an den entsagungsreichen Alltag des Lebens bei Hofe. Die Stände- und Adelsordnung zwingt die Menschen in soziale Rollen, die selten als angemessen empfunden werden. Das Individuum sucht – zumindest nach moderner Vorstellung – sein Glück in ihm gemäßen Lebensverhältnissen (Partnerschaft und gesellschaftliche Funktion, Beruf). Zur Erfüllung bedarf es der Entscheidungsfreiheit und der Abwesenheit gesellschaftlicher Schranken. Wo diese Freiheiten fehlen, und wo – wie bei Hofe – Macht über Menschen hinzukommt, blühen Dekadenz und Zynismus.
Gezeigt wird die Bürde des Königs, der keine Schwächen zeigen darf und dem ein dauerhaftes Liebesglück versagt bleibt. Menschlich, allzumenschlich handelt er grausam gegen seine Untertanen um verlorenes seelisches Gleichgewicht wieder herzustellen: Die Erkenntniss, mit einer Entscheidung für den Tod vieler Menschen verantwortlich zu sein, desweiteren Entsagung oder allgemeine Frustration aufgrund von permanenter Anspannung verlangen nach Kompensation. Die Verletzung oder Zerstörung von Mitmenschen, der Besitz einer schönen Frau sind mögliche Formen dieser Kompensation.
Der Film lässt jedoch das tiefe Bedauern des Königs über die Beschaffenheit jener Wirklichkeit durchscheinen: Im zärtlichen Geständnis über die Schönheit Annes und in der genauen Kenntniss ihres Charakters zeigt sich, dass er sie und damit dass er überhaupt liebt.
Hier ähnelt der Film dem »Mädchen mit dem Perlenohrring« (Scarlett Johansson in der Rolle der Dienstmagd Griet), in dem die Unmöglichkeit der Liebeserfüllung aufgrund von gesellschaftlichen Umständen im barocken Bürgertum thematisiert wird.

Descartes postuliert eine Maschinenhaftigkeit für die Tiere und eine göttliche Beseeltheit für den Menschen. Seither bröckelt diese Grenze zwischen Mensch und Tier, oder besser: zwischen menschlichem und nicht menschlichem Leben. Auf der anderen Seite steht die Gesamtheit /des/ Lebens: die Opposition von unbelebter vs. belebter Natur.
Denn: Noch immer halten wir es für zulässig, über das Lebewesen Tier zu verfügen und über sein Leben zu entscheiden. Die zugrunde liegende Frage zur Klärung der Gerechtigkeitsfrage in Bezug auf unseren Umgang mit dem Tier lautet: Was ist Leben? Und inwieweit sind Lebewesen Teil eines Ganzen und ist dieses Ganze prinzipiell unterschieden von allem Unbelebten?

Es leuchtet wohl ein, dass eine ausschließlich nach mechanischen Gesetzen ablaufende Entwicklung keinen höheren Status verdient, als der, den wir unbelebter Materie – und sei ihr Organisationsgrad noch so hoch, ihre Struktur noch so komplex – zusprechen. Wenn wir also als Zoologen auf die Tiere blicken, sehen wir komplexe Maschinen, denn wir sprechen Ihnen keinen Geist und noch weniger eine metaphysische Beseeltheit zu. Aber wir leiden unter der Konsequenz dieser Annahme: Dass wir Menschen selbst nurmehr komplex organisierte Maschinen sind, deren Intuitionen »Wille«, »Geist«, »Seele« nicht mehr als Illusionen sind. Damit ist ein schwerer Sinnverlust verbunden, was widerum die Basis für große humane zivilisatorische Leistungen und sogar den intellektuell gespeisten Lebenswillen selbst untergräbt.

Stellen wir uns aber als Oppositionelle auf die Seite der Intuitionen und verneinen wir das streng wissenschaftliche Weltbild methodisch, so lautet die Konsequenz: Wir haben nicht das Recht, dem Tier die uns selbst zugeschriebenen Eigenschaften abzusprechen. Der Pflanze dürfen wir danach eher einen Willen unterstellen, als ihr diesen abzusprechen. Ihr Wachstum hin zum Licht wäre danach eine motivierte Leistung, die von ihrem »lebendigen Zentrum« ausgeht, eine konzentrische Kraft, und damit mehr, als ein blindes Reagieren auf Umwelteinflüsse.

Seien wir genau und wenden wir die Innen- und die Außenperspektive nicht nur auf die eigene Lebenswelt an, sondern auf alle Lebewesen.
Jedes Lebewesen hat ein Zentrum. Dieser Umstand qualifiziert es als wert, mit doppelter Perspektive angeschaut zu werden.
Die Konsequenz aus diesen Überlegungen ist, dass aus der einseitig wissenschaftlichen, eine spirituell-wissenschaftliche Kultur erwachsen muss, in der es dem handelnden Subjekt nicht länger möglich ist, die ethischen Konsequenzen seines Handelns mit dem Hinweis auf die prinzipielle Legitimität wissenschaftlich exakten Handelns zu ignorieren.
Arbeiten wir darauf hin, denn wärend die Wissenschaft jetzt eher lebensfeindlich ist, wird sie dann eher dem uns kostbaren Leben dienlich sein.

Philosophische Praxis

17. Januar 2007

Die reine Lebensbewältigung ist alles andere als ein Spaziergang. Das menschliche Erkenntnisvermögen ist der Ausgangspunkt für unzählige Widersprüche. Im Laufe seines Lebens macht der Mensch immer wieder krisenhafte Veränderungsprozesse durch. Einem jeden gebürt Respekt, der diesen Weg würdevoll und in Gänze zu gehen versteht.

Wie der Philosoph Helmuth Plessner festgestellt hat, ist der Mensch als »exzentrisches« Lebewesen zu jeder Zeit vor die Aufgabe gestellt, seine Person sinnvoll und damit zufriedenstellend zu entwerfen –  sich selbst und der Welt gegenüber. Leben ist danach kein passives Erleiden von äußeren und inneren Einflüssen, sondern sollte vielmehr als ein aktiver Gestaltungsprozess begriffen werden.

In einer Kultur des Denkens und Welterkennens, in welcher die Absolutheit der Wirklichkeit und der Wahrheit methodisch in Zweifel gezogen werden können – und dies völlig zu Recht – auf solch einem geistigen Nährboden gedeiht auch Orientierungslosigkeit, die bis zur Ohnmacht reicht: Wie wenig vermeinen wir mit aktivem Handeln gegen die Katastrophen des täglichen Weltgeschehens noch ausrichten zu können!

Nichts und niemand kann dem gebildeten modernen Individuum die Entscheidungen abnehmen, welche allein zu einem selbstbestimmten, erfolgreichen Leben es führen können. Doch es gibt Hilfe von Seiten der Philosophie: Orientierungswissen sowie die Kompetenz, eigenen Erkenntnisse systematisch zu entwickeln und auf diese aufzubauen.

Das Sich-Verlassen auf »Normalität«, als ein sehr solides Refugium der Sicherheit und Kontinuität, hat einen entscheidenden Nachteil: Es beraubt den Gebundenen seiner geistigen Freiheit. Der Naive aber fühlt das Ungenügen, das ihm daraus erwächst und manch einer macht sich auf, um sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Ziel und Aufgabe einer modernen philosophischen Praxis kann und muss es daher erstens sein, den Menschen zu befähigen, Bewährtes und Tradiertes in Zweifel zu ziehen, zu überdenken, zu ersetzen – mit der Aussicht auf persönlichen und humananen Fortschritt.

Der neuzeitliche Glaube an die empirischen Wissenschaften macht es uns leicht, dieses Angebot der Philosophie auszuschlagen und statt dessen – bei aller Fachkenntnis – naiv zu bleiben. Machen wir uns bewusst: Nicht die Summe der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ist ausschlaggebend für die Fähigkeit eines der Wirklichkeit angemessenen Denk- und Erkenntnisvermögens!

Angesichts der Ungerechtigkeit und Widersprüchlichkeit des Weltgeschehens kann nicht länger von einer Herrschaft der Vernunft die Rede sein. Vielmehr vom Umschlagen der Vernunft in Aberwitz. Dies kenntlich zu machen und zugleich als Korrektiv zu dienen, ist die zweite Aufgabe einer modernen philosophischen Praxis.

Die Neuzeit hat einen Fakt in aller Schärfe aus dem Nebel vergangener Epochen hervortreten lassen: Wo wir es nicht wahrhaben wollen, ahnen wir es doch zumindest; dass nämlich der Überzeugtheit von einer ‘Wahrheit’ ein interpretatorischer Akt vorausgehen muss. »Wahrheit« wird, was wir als solche »erkennen«. »Erkennen« wir etwas anders, machen wir uns einen anderen Reim auf das, was wir erleben, wahrnehmen, ist auch etwas anderes »wahr«.

Die Kultur leistet einen unverzichtbaren Beitrag dazu, dass die unbegrenzten Möglichkeiten des Menschen, Wirklichkeiten zu erschaffen, nicht in heillosem Durcheinander münden.
Planvoll wollen wir unsere Gesellschaft entwickeln, zivilisiert und gerecht.
Doch wie steht es um unsere Kultur? – Die Philosophie kann und möchte Antwort geben auf diese wichtige Frage. Sie ist die für diese Aufgabe bestgeeignetste aller Wissenschaften.

Die Grenzen philosophischer Beratung verlaufen im Inneren des Individuums: Wo es an der Kraft zum Entschluss mangelt, verharren wir in bloßen Worten, in »bewegter Luft«. Insofern gilt: Alles philosophische Orientierungswissen entspricht einem Placebo und keinem modularen Wirkstoff nach dem Muster einer Tablette.

Für die individuelle Lebensbewältigung muss sich jeder selbst entscheiden durch die Kraft des ihm gegebenen freien Willens.