»Wir wissen, daß es uns multinationalen Unternehmen möglich ist, auch 15 Milliarden Menschen in der Welt zu ernähren, wenn wir die richtigen Maßnahmen treffen.«
Helmut O. Maucher (*1927), dt. Topmanager, 1980-2000 Gen.-Dir. Nestlé (Quelle:www.zitate.de)
Der Film »We feed the world« erschüttert uns leise aber unerbittlich. Er führt uns deutlich den Ist-Zustand des Missverhältnisses Arm – Reich, Mangel – Überdruss vor Augen. Und der Film klagt an: Wir Konsumenten des Nordens sind die Schuldigen.
Der Coup ist perfekt: Wegschauen nützt nichts mehr. Weglaufen ebenso wenig: die Schuld haftet wie Pech. Jeder ein Mitwisser, ein Mittäter – schuldig des Nicht-Aufbegehrens gegen Fehlstrukturen und Verantwortungsträger, die wissentlich falsch oder unverblühmt verbrecherisch handeln.
Der Wunsch, sich frei zu kaufen: Protestieren! Bescheiden und selektiv konsumieren! Mitmenschen überzeugen! – Aber ach! Alles Bemühren ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ein Kampf gegen Windmühlen. Denn geht es nicht darum, Nahrungsmittelkonzerne politisch unter Druck zu setzen, um sie in ihren Produktions- und Vertriebsweisen auf menschenwürdige Mindesstandards und eine nachhaltige Gesamtstrategie und -Handlungsweise zu verpflichten?
Für solch konkreten Ziele aber fühlen wir rationalen, informierten Verbraucher mit wenig mehr als der negativen Motivation unserer schlechten Gewissen uns außerstande. Wir sind überwältigt bis zur Selbstzensur: Welch ein Machtgefälle: Die Millarden-Reichtümer auf der einen Seite gegen die sauer erarbeiteten Freiräume zum Erleben menschenwürdiger Alternativen auf der anderen.
Nur dieses eine wird im Zuge des Gedankenganges gewonnen: Die Schuldfrage ist zu unseren Gunsten entschieden: Es liegt an den Banken und Konzernen, am Geldsystem und an der Entkoppelung der Geld- und der Warenseite der Ökonomie.
Es liegt an »den Systemen« und schließlich »am System« schlechthin. Ich als Verbraucher bin Teil des Systems, ob ich will oder nicht, und darum fehlt mir die Freiheit, mich gegen dessen Fehlfunktionen zu entscheiden, nicht zu partizipieren. Der Ausstieg aus der Gesellschaft bedeutet die Aufgabe des letzten bischen Macht, über das der Bürger verfügt.
Doch kann man schuldlos partizipieren? – Der Weg zur Beruhigung des eigenen Gewissens führt in einen Fatalismus.
Identifikation mit »dem Leid« auf der Welt führt zu einer anderen Art von Ohnmacht. Ihr Kern ist der Glaube an die Absolutheit des Leides. »Leben ist Leiden«, lautet eine der zentralen Essenzen dieser Sichtweise. Die Ableitungen für das eigene Handeln sind zwar ethisch wünschenswerte, stehen aber nicht im Zeichen des Fortschritts. Dieses zentrale Element abendländischen Denkens zu bewahren, halte ich aber für unbedingt erstrebenswert.
Wenn es aber einen Fortschritt auch auf gesellschaftlicher Ebene gibt, weder der systemische Fatalismus noch ein Sich-fallen-Lassen in den Kreislauf aus Werden und Vergehen richtige, d.h. abendländisch konsequente Wege darstellen, was dann?
Also ist der Konsument endlich ganz bei sich. Was folgt? – Die Arbeit an mir selbst. Konsequentes Handeln entsprechend der Sachlage wird zur Maxime: Schaffe ich es, meine Einstellungen und mein Verhalten so umzugestalten, dass ich ethisch richtig handele vor mir und den Anderen?
Plötzlich stellt sich nicht mehr die Frage nach den Erfolgsaussichten: ethischer Fortschritt der eigenen Person wird zur unbedingten Forderung.
Was heißt das? Das heißt, um die Gewissensnöte zu beschwichtigen, muss man sich nur redlich um positive Alternativen bemühen. – Nach bestem Wissen, was es selbstverständlich immer auf der Höhe der Zeit zu halten gilt.
Die Motivation fließt dann aus der Beobachtung des eigenen Handelns: aus den wahrgenommenen Erfolgen bei der Arbeit an den Einstellungen und den tagtäglichen Handlungen der eigenen Person.
Soviel zur Theorie – und die Praxis?
Für viele Menschen geht es heute nur noch um Existenzsicherung, auch im Norden. Die Gemeinten werden nur mit den Achseln zucken und sagen: Für mich gilt: Lidl oder Aus.
Doch zeugt diese Einstellung nicht von einem angemessenen Bewußtsein der tatsächlichen Krise: Es geht um mehr, als um die Möglichkeit der Teilhabe an der Gesellschaft, um mehr als Armut auf hohem Niveau.
Worum zum Beispiel?
* Im Verhältnis zwischen Besitzenden und dem Heer der Arbeitenden und Arbeitssuchenden geht es um die Würde des Menschen, um sein für alle verbindliches Selbstverständnis. Das Ertragen des gegenwärtigen Missverhältnisses würdigt uns herab.
* Das Annehmen der betriebswirtschaftlichen Logik als das einzige Mittel zur Selbstvergewisserung beraubt uns der großen Zahl alternativer Denkweisen und drängt uns in die Nähe von Maschinen.
* Es geht um den Erhalt der bedrohten Biosphäre: Die Umweltverschmutzung hat im entkoppelten globalen Kapitalismus einen Grad erreicht, der längst als Existenzbedrohend diagnostiziert worden ist.
Geistige Kleinheit und Trägheit gehen Hand in Hand. Diese Zwickmühle aber muss an einer Stelle durchbrochen werden. Entweder, ein Mensch wird aktiv, weil man es ihm sagt und erkennt darüber bald den Sinn und die Bedeutung seines Handelns: Er wächst quasi an seinen Aufgaben. Oder ein Mensch erkennt irgendwann die Bedrohlichkeit der Lage, erkennt seine Handlungsmöglichkeiten und die Pflicht, selbst aktiv zu werden: Er durchbricht seine Trägheit.
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Die Umwälzung beginnt beim Lernen
So lange die Inhumanität im Umgang mit der Natur Normalität ist, müssen Filme wie »We feed the world« zum Standard-Repertoire der Schul-Lehrpläne gehören. Gekoppelt mit Ethik-Unterricht, der die Bilder verstehen hilft, d.h. der dem Individuum einen Weg zeigt, sich selbst mit den wahrgenommenen Fakten in Beziehung zu setzen.
Das Ziel muss es sein, den im Überdruss erstarrten Norden zu aktivieren. Umdenken jetzt! Änderung des Lebensstiles jetzt!
Wie könnten die Schritte aussehen, die das Leid der Individuuen mindern und die globale ökologische Katastrophe aufhalten können? Ich schlage folgende drei Schritte vor:
1. Ethische Bildung, Sensibilisierung: Was hat das alles mit mir zu tun?
2. Informieren, Faktenwissen verbreiten
3. Organisieren, nachhaltige Projekte planen und umsetzen, Alternativen leben
Die Globalisierung öffnet unseren Denkhorizont: Nicht mehr nur Diplomaten und Denker von Weltrang wie Kant werden heute in die Lage versetzt, sich als Weltbürger und nicht nur Bürger eines Landes zu fühlen. Das Fernsehen – dies ist ein positiver Aspekt des Mediums – präsentiert uns täglich sachliche Reportagen, die uns über Welthandel, Güterproduktion, Vernetzung allgemein die Ausbildung einer Vorstellung verschaffen.
Was bringt uns das? – Einen veränderten Horizont, ein zeitgemäßes Bild von der Welt und von uns selbst. Die Lehre, die es daraus zu ziehen gilt: Es gibt keine anonymen, geisterhaften Prozesse in der Welt, die nicht beherrschbar wären. Es ist »der Mensch« der denkt und lenkt. Wenn Konzernchefs wie der im Film zu erlebende Peter Brabeck, Nestlé (Link: wikipedia.org) darauf verweisen, dass sie nur ihren Job tun, dessen Ziel nun einmal Profitmaximierung ist, so darf man dieser Login nicht auf den Leim gehen. Es liegt auf der Hand und zahllose Beispiele alternativen Wirtschaftens (regional, genossenschaftlich) liefern den Beweis im Kleinen: Es liegt im Bereich des Möglichen, die »Herrschaft des Geldes«, wie eine populäre Metapher für betriebswirtschaftlich-dogmatisches Denken lautet, abzulösen.
Nicht die Individuuen, auch nicht die Mächtigsten unter ihnen, sondern die Systeme.
Die Güterströme sind global. Kulturaustausch kann – wenn er nicht behindert wird durch fremdenfeindliche Gewalt – grenzenlos stattfinden.
Auch das Denken ändert sich: Es ist kein Zeichen von Hybris, wenn wir uns heute als mitverantwortlich für das Leid in den Armenhäusern der Welt fühlen: Es sind die direkten Folgen von politischen Entscheidungen.
Das bringt den wohlhabenden Teil der Menschheit in die Nähe der Idee der Kreisläufe. Alle Prozesses und Systeme streben letztendlich Kreislaufform an.
Wenn wir, die Bürgerinnen und Bürger der so genannten »reichen Länder« begreifen lernen, was um uns herum geschieht, wenn wir das Leid der Individuuen und unser eigenes Leid wahrnehmen und unsere Rolle in diesem vernetzten System Erde, gibt es eine reelle Chance auf Besserung. Das Problem derzeit ist, wir haben uns an das Schreckliche gewöhnt: Massentierhaltung, Aushungern des Südens zugunsten der hiesigen Agrar-Wirtschaft. Es erscheint uns zwar bedauerlich, aber notwendig. Tatsächlich aber liegt ein Mangel an Entschlusskraft vor, die aus ethischer Sicht unhaltbaren, das Gewissen bedrückenden und die Würde beschämenden Zustände zu ändern.